Weil es gerade nach 1 Uhr ist. Weil Domian läuft. Weil ich Twitter nebenher laufen habe und weile es seit Tagen in mir Amok läuft.
Am Anfang fand ich es spannend. Domian hören und Twitter laufen haben. Mir anschauen was unterm Hashtag #Domian so kommentiert wird. Halt nicht “alleine” schauen. Ich fand das spannend und habe es im Endeffekt nur wenige Tage ausgehalten.
Es mag sein, dass ich aktuell nervlich am Ende bin. Dass ich empfindlicher als sonst bin. Überreagiere. Ja, das mag alles sein. Aber das ändert nichts an der generellen Problematik die ich mit den Twitter-Leuten habe.
Vor Monaten sagte mal jemand zu mir, dass er Domian schaue um sich über die Anrufer lustig zu machen. Während ich das ja tun würde, weil mich die Themen interessieren. Und ja, so ist es.
Ich mache mich über keinen der Anrufer lustig. Ich finde sie möglicherweise skuril. Kann vieles nicht nachvollziehen. Manchmal sind auch Menschen dabei die mich wirklich wütend machen. Oder ich rege mich auf, dass sie Nuscheln, Sächseln oder sonstige Angelegenheiten die mein Ohr einfach stören. Die es mir erschweren zuzuhören. Manche Stimmen ertrage ich nicht und möchte, dass sie auflegen. Manche Dinge empfinde ich als “nicht so wichtig”. Aber in meinem Psycho-Hirn tickt nun mal auch immer die andere Seite.
Die Menschen rufen da mit Grund an. Weil sie sich anders nicht zu helfen wissen. Weil sie keine Anlaufstelle haben, weil sie das nur anonym können. Weil es ihnen hilft anzurufen. Oder weil sie mit ihrem Anruf etwas bewegen wollen. Ja, ich habe selbst für den größten Vollidioten Verständnis, wenn er leidet. Und ja, selbst wenn ich Opfer von irgendwas bin frage ich mich warum der “Täter” das so getan hat. Was dahinter steckt. Kein Mensch kommt schlecht auf die Welt. Also was hat ihn dazu gebracht?
Das heißt selbstverständlich nicht, dass ich alles gut heiße. Dass ich alles nachvollziehen kann und will. Und während ich schreibe verliere ich den Faden.. so sehr regt mich das auf.
Auslöser für diese brodelnde Wut: Eine Anruferin von vor mehreren Wochen. Offene Beziehung (Ehe). HPV-Infektion. Laser-OP. Das volle Programm. Mutationen in den Warzen. “Vorstufe” von Krebs. Unschön. Sehr sehr unschön. Und dann diese Kommentare. Diese unqualifizierten dummen Kommentare. Dass das bei Vielfickerei nun mal vorkommt. Dass sie das verdient hätte. Dass es die gerechte Strafe wäre. Sinngemäß, dass nur “solche” Leute HPV bekommen. Und ich wollte mir an den Kopf fassen. Ich wollte diese Vollidioten schütteln. Nichts wissen, aber Fresse aufreißen. Diese Intoleranz. Diese Arroganz. Dieses sich über die anderen stellen. Ihr habt doch alle keine Ahnung.
70% der Frauen machen in ihrem Leben eine HPV-Infektion durch. Meistens unbemerkt. Deswegen sind sie noch lange nicht “sauberer”. Völlig unabhängig davon ob man monogam lebt oder nicht. Man muss nicht mal zwangsläufig Sex haben um sich zu infizieren. Unzählige Männer tragen den Virus in sich und verbreiten ihn. Genauso viele Frauen, die von ihrer Infektion nichts wissen, weil symptomlos. Kondome schützen übrigens auch nicht gänzlich. Theoretisch kann jeder HPV bekommen. Nur mal so am Rande erwähnt.
Auf welcher Grundlage zieht man da bitte über eine Frau her die sich traut drüber zu reden? Es macht mich so unglaublich wütend. Nicht nur wegen meiner eigenen Geschichte.
Basierend darauf reagiere ich mittlerweile bei jeder Kleinigkeit. Hin und wieder begehe ich den Fehler und schaue mir die Tweets an. Manches bekomme ich in meiner eigenen Timeline mit.
Wie sich über Krebspatienten aufgeregt wird. Weil sie Überhand in der Sendung nehmen. Wie sich über psychisch labile Menschen lustig gemacht wird. Wo ich mir denke, dass ich diesen Menschen nur einen einzigen Tag irgendeine beliebige Persönlichkeitsstörung an den Hals wünsche. Um mal zu sehen wie schön einfach das doch alles ist.
Ich könnte mich ewig aufregen. Ich finde es traurig. Ignorant. Möglich, dass der ein oder andere einfach nur seine Witze drüber macht. So wie ich mit suizidalen Freunden über Brücken und Züge spreche. Manchmal tut man das. Galgenhumor. Natürlich. Aber ich traue der Allgemeinheit das nicht zu. Nein. Ich bin davon überzeugt, dass ein Großteil die Kommentare ernst meint. Und ich frage mich auch hier… wieso das so ist. Wieso Menschen so sind. Wo und wann die Empathie in der Welt verloren ging. Oder ob sie jemals da war.
Die Sendung ist – meiner Auffassung nach – in erster Linie für die Anrufer. Nicht um euch zu belustigen.
Nicht alles wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird und längst nicht alle Kommentare, die bei Twitter über Domian fallen, sind so ernst gemeint. Ich denke, ich spreche nicht nur für mich, sondern ein Großteil der Kommentare ist mehr ironisch oder sarkastisch und weniger ernst gemeint als du es glaubst und hier darstellst.
Nun ja, ich denke wir beide haben das Thema privat durch und ich werde das hier nicht öffentlich weiterführen. Wir werden uns da nicht einig.
Ich stimme dir vollumfänglich zu.
Aber schau dir doch mal die Nachrichten an, die online gestellt werden. Wenn dort die Kommentare freigegeben sind, dann haste genau das gleiche Bild.
Oder – etwas “hinkender” Vergleich: Fußball. Ganz Deutschland ist plötzlich Bundestrainer. Ist doch so – jeder weiß es besser.
Bei Fußball mag das Unterhaltungswert haben, es besser als der Chef zu wissen, aber bei Betroffenen in der Sendung Domian oder bei Nachrichten zu ernsten Sachverhalten, ist das mehr als unpassend.
Ich glaube, das liegt daran, dass die Menschen zu viel Langeweile haben.
Oder ihren Alltags-Stress abbauen wollen – nach unten treten.
Oder ihr eigenes Leben aufwerten wollen, indem sie andere klein machen und auf sie herabschauen. Ich glaube, die Menschen fühlen sich dann besser, weil ihr eigenes, nicht notwendigerweise wirklich heiles Leben dann schöner, besser, friedvoller ausschaut.
Es ist die moderne Fassung von “Brot und Spiele”, leider.
Traurig aber wahr: die Menschen sind so.
Ich gucke Domian auch ab und an, wenn ich Zeit und den Sinn dafür habe.
Ich denke, es ist sicher in erster Linie für die Anrufer, aber auch für manche, die als Zuhörer oder Zuschauer selbst einen Rat abgreifen können, weil sie vielleicht in einer ähnlichen Situation sind.
Ich stimme dir zu, dass es sehr, sehr schwierig bis nahezu unmöglich ist, als nicht Betroffener eine Meinung zu einem Thema wie zB psychische Erkrankungen zu haben.
Wenn man sich mit dem Thema in Ausbildung oder Studium befasst, erweitert das sicher den Horizont und man kann anders mit Betroffenen umgehen.
Und dennoch bleibt das Restrisiko, dass man was falsches sagt oder tut.
Kennt man sich mit dem Thema überhaupt nicht aus, sollte man einfach mal die Fresse halten, finde ich.
Aber die Gründe, warum Menschen das nicht zu können scheinen, hab ich ja oben schon genannt.
Es sind sicher Vorurteile, die viele Menschen in sich tragen, was Erkrankungen angeht. Seien es Infektionskrankheiten (denk nur an HIV – wie viele haben “anfangs”, als das Virus entdeckt wurde, gedacht, das könnten nur Homosexuelle und Heroinabhängige bekommen!!), oder seien es sonstige körperliche oder seelische Erkrankungen.
Vorurteile sind ja so schön einfach und schnell gemacht. Schublade auf, betroffener Personenkreis rein, Schublade zu. Fertig.
Es würde Mühe erfordern, diese Vorurteile neu zu überdenken und sich dann auch anders zu verhalten.
Da der Mensch aber von Natur aus bequem ist, wird sich das so schnell nicht ändern.
Ich verstehe deine Wut, wirklich.
Aber versuch – um dich selbst zu schonen und zu schützen – so einen Schmuh nicht zu lesen. Oder nicht an dich heran zu lassen (ich weiß, ist leichter gesagt als getan).
Empathie werden wohl nur diejenigen Menschen empfinden können, die mal persönlich mit Menschen zu tun hatten, die eine dieser Erkrankungen haben oder hatten.
Oder einige wenige, die das Schicksal anderer Menschen nicht gänzlich kalt lässt.
Wie gesagt – davon gibts leider viel zu wenige.
Überleg mal – Zivilcourage… wie wenige würden wirklich helfen, wenn ein Mensch in eine Notlage gerät?!
Ist ja eigentlich nix anderes mit den Kommentaren. Es wäre Zivilcourage, in einem solchen Forum/ bei Twitter mal nicht draufzuhauen und sich gegenseitig hochzuschaukeln.
Ich lese mir solche Kommentare gar nicht erst durch, weil mich sowas ebenfalls wütend macht.
Ich wünsche dir eine friedliche Nacht, ohne weitere Aufreger. Puschel lieber deine Katzen…
Und denk daran: du bist nicht wie die anderen, du bist ne ehrliche Haut und trägst das Herz auf dem rechten Fleck. Sei stolz, dass du anders bist als diejenigen, die sich da das Maul über die Traurigkeit anderer zerfetzen.
Halt den Kopf oben, auch wenns grad schwerfällt.
Und auf die Menschen kommt es an – nicht auf irgendeine virtuelle Meute, die wie Heckenschützen aus der Anonymität des Internets heraus auf Wehrlose schießen.
Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass diejenigen, die sich so eklig verhalten, irgendwann vom Schicksal eins übergebraten bekommen.
Es gibt Gerechtigkeit.
Und zum Glück gibts in deinem Umfeld auch Menschen, die zu dir stehen und dich verstehen und unterstützen
Gute Nacht – die wünsch ich dir wirklich *lieb drückt*
Conny
Oh ja.
Ja, natürlich ist es auch für die Menschen die von den Anrufern profitieren können. Ich denke das sind auch unglaublich viele, nur melden die sich leider nicht zu Wort. Mir gibt es ja auch oft schon Möglichkeit zu reflektieren. Und natürlich denke ich mir auch immer mal “Zum Glück bin ich nicht so “blöd” und lass das mit mir machen.” Aber ich würde es der jeweiligen Person halt lieber selbst sagen als es anonym ins Netz zu brüllen… Anderseits werde ich mir jetzt gleich auch noch mal meine Themen-Artikel anschauen ob ich da nicht vllt. auch genauso übers Ziel hinaus geschossen habe…
Wirklich erschütternd fand ich jetzt allerdings auch, dass es Kommentare, abwertende Kommentare, von selbst Betroffenen gab. Das erschließt sich mir nicht. Abwertend, beleidigend, einfach ins Blaue geschossen. Kommentar auf sich selbst angewandt dann als beleidigend und verletzend wahrgenommen. Dennoch der Meinung, dass die Kommentare so “okay” sind. *seufz*
Ich bin von der Gerechtigkeit nicht überzeugt, aber ich hoffe drauf.
Ich denke, Conny hat recht. “Brot und Spiele” trifft es sehr gut. Menschen sind so. Vor allem im Netz, wo einen der Schutzmantel der Anonymität umgibt.
Allerdings glaube ich nicht daran, dass unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit entsprochen wird. Ich glaube nicht, dass die Leute, die es meiner Ansicht nach verdienen, einen übergebraten bekommen. Dafür hab ich schon zu viel gesehen.
Ich glaube aber daran, dass man selbst die Veränderung sein kann, die man in der Welt sehen will. Und das heißt, dass ich aktiv versuche mein Umfeld zu “gestalten”. Das ist nämlich das Einzige, was ich ausrichten kann.
Was nicht bedeutet, dass ich mich nicht immer noch aufrege… =)
Viele Grüße,
Wupperwasser
Ja, ich würde auch gerne was bewegen. Veränderung in Gang setzen. Vllt. den ein oder anderen aufrütteln und zumindest dazu bringen mal kurz nachzudenken. So weit so gut… wenn mich das nicht immer aus der Bahn werfen würde, wenn man mich dann negativ angeht. Aber das hat jetzt zumindest einmal schon gut funktioniert.