Fassaden.

Vorhin auf dem Weg zum ersten Gruppentreffen vom Betreuten Wohnen kam mir ein ziemlich unangebrachter Gedanke. Ich habe doch tatsächlich versucht am Bahnhof den Leuten anzusehen ob sie wohl auch zu dem Treffen gehen. Ziemlich bescheuert. Impliziert dieser Gedanke doch, dass man den Menschen ansieht, dass sie psychisch krank sind. Im Umkehrschluss würde das natürlich auch bedeuten, dass man es mir ansieht. Und das tut man meiner Meinung nach nicht, oder?

Mal abgesehen von meiner eigenen Person, zeigen mir die 3 Klinikaufenthalte wie bescheuert es ist vom Äußeren auf eine Erkrankung schließen zu wollen. Selbstverständlich gibt es die Klischeekranken. (Ähnlich wie die Klischee-Arbeitslosen ^^) Den meisten aber sieht man es nicht an. Im Gegenteil. Ich habe sogar die Theorie aufgestellt, dass die meisten mit Depressionen oder Persönlichkeitsakzentuierung jünger aussehen als sie sind. Da aber für gewöhnlich keiner sein Alter auf der Stirn stehen hat, kann man auch an diesem Merkmal niemanden identifizieren. ^^

Fakt ist also: Man sieht es den Wenigsten an. Oft verbergen sich Krankheiten auch da wo sie keiner erwartet. Die Seele eines bildhübschen, großen und schlanken, intelligenten Schneewittchen-Mädchens mit bezaubernder Ausstrahlung und wunderbarer Stimme kann so düster sein, dass uns jeder Kellerraum dagegen hell erscheint. Von außen würde es keiner erwarten. „Sie hat doch alles. Wie kann sie bloß unglücklich sein?“
Wie kann das offene, lebenslustige Mädchen, dort mit so vielen Plänen und Träumen bloß darüber nachdenken wie viele Tabletten wohl nötig sind um es endlich einfach zu beenden?
Wie kann ein hochintelligenter Mensch, dem – rein intellektuell – alle Türen offen stehen, der beliebt und mit einem tollen Freundeskreis gesegnet ist, Suizid als letzten Ausweg sehen?
Wieso landen so viele Stars im Drogensumpf? Wieso springt ein Robert Enke vor den Zug, wo er doch „alles“ hatte?

Weil die Fassade eben nichts über den Gesundheitszustand einer Person aussagen muss. Weil sie mit Absicht besonders schön gestaltet worden sein kann. Weil sie als Tarnung dient, weil sie Schutz bietet. Weil man sich nicht traut oder es nicht „erlaubt“ ist „Schwäche“ zu zeigen.
Wir leben leider in einer Welt in der sich viele auf diese Fassade verlassen, sich mit ihr abgeben oder gar nicht mehr wissen wollen. Später, wenn das sogenannte Kind in den Brunnen gefallen ist, dann kommt plötzlich die Frage auf: „Wie konnte das bloß passieren?“

Weil ihr nicht aufgepasst habt, liebe Leute. Weil ihr nicht hinterfragt habt. Weil ihr nicht hingesehen habt. Weil ihr euch von der Fassade habt blenden lassen. Weil ihr nicht wissen wolltet, wie es hinter dem ganzen „Schönen“ aussieht.

Darum ist es passiert.
Darum wird es immer wieder „so plötzlich“ passieren.

Weil die Gesellschaft unaufmerksam ist.
Weil keiner hinschaut.
Und so viele einfach nur an sich denken.

Wie ich diese Welt manchmal verabscheue.

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Ich muss nicht immer stark sein und stark erscheinen.
Ich darf zu meiner Schwäche und Ratlosigkeit stehen.
Ich darf meine großen Ziele kürzer stecken.
Ich darf auch verlieren.
Ich darf mir meine Enttäuschung über mich selbst eingestehen.
Und ich darf zugleich zu mir stehen und mich lieben
und von meinem Wert überzeugt sein!

Danke an meine Mädels aus der TK ❤

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7 thoughts on “Fassaden.

  1. Diese Erkenntnis hab ich auch schon seit einiger Zeit gehabt.
    Erst wen der alte Opa in der Nachbarswohnung müffelt kommen die Nachbarn drauf das im wahrsten Sinen des Wortes etwas faul ist. Man beschäftigt sich nur noch mit sich selbst. Typisches Ellenbogen-Denken eben. Und wie oft habe ich bei meinem ersten Eindruck gedacht wie weit die Leute über mir stehen müssen- wie super sie mit der Welt klar kommen – um später festzustellen das die noch viel mehr Probleme damit haben als ich.

    • Den Gedanken der müffelnden Wohnung greife ich gleich noch mal auf.

      Ansonsten bin ich auch immer wieder beeindruckt wie gut Fassaden sein können.
      Ich stehe dem mit meiner absoluten Offenheit gegenüber und bin im Endeffekt wesentlich ehrlicher – zu mir selbst und zu anderen – aber auch viel angreifbarer.
      Wäre es doch möglich einfach das eine mit dem anderen zu Mixen.

  2. „Und so viele einfach nur an sich denken.“
    Bei uns sagt man manchmal:
    „Wenn jeder an sich denkt, ist auch an jeden gedacht“ Natürlich ist das mehr ironisch gemeint als ernst.

    Aber genau das ist es ja leider…

  3. Ich glaube man sieht das einem Menschen nicht an, nein. Obwohl ich mich manchmal frage ob das jemand sieht je nachdem wie ich schaue. Aber ich glaube selbst Dissoziationen nehmen die meisten nur als Träumen wahr.

    • Ja, manchmal frage ich mich auch ob man es mir ansieht. Scheint aber meist nicht der Fall zu sein.
      Was das dissoziieren angeht… Da musste ich kürzlich feststellen, dass selbst ich das bei Freunden nicht wahrnehme.
      Dabei war ich bis zu dem Zeitpunkt eigentlich der Meinung, dass ich sehr aufmerksam bin was so etwas angeht…

      Willkommen hier bei mir 🙂

  4. Pingback: März 2010 vs. Gegenwart | Svüchiatrie.

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