Betreuung.

Irgendwann im Dezember ’09 hatte ich meinen ersten Termin mit Frau B. zur Hilfeplanerstellung. Zu dem Zeitpunkt hatte mir mein Oberarzt bereits bestätigt, dass Wohnbetreuung eine echt gute Sache sein würde. Ebenso wie Frau P. die Sozialarbeiterin der Klinik der Meinung war, dass meine Wohnung es durchaus nötig hätte. Ich werde wohl nie vergessen wie sie auf der Kante meiner Couch gesessen hat, als könnte diese sie gleich verspeisen. ^^

So bastelten wir also am Hilfeplan, in mehreren Terminen die sich bis weit in den Februar zogen. Es ist nicht leicht einen solchen Plan zu erstellen. Zum einen muss man erst mal begreifen wo die eigentlichen Schwierigkeiten liegen. Kann ich nicht aufräumen? Bin ich technisch dazu nicht in der Lage? Weiß ich nicht wie man aufräumt? Bemerke ich einfach nicht wie es wieder unordentlich wird? Fällt es mir immer erst auf, wenn es bereits wieder Chaos ist? Bin ich zu faul rechtzeitig etwas zu tun oder bremst mich irgendetwas aus?! Es gibt unzählige Gründe wieso man keine super aufgeräumte Wohnung hat und das ist nur einer der Punkte die auf einem Hilfeplan zu erscheinen haben.

Weiter geht es auch um die Bereiche Arbeit/Beschäftigung, Soziale Kontakte, Freizeitbeschäftigung und Gesundheit. In jedem dieser Bereiche stellte sich die Frage was eigentlich klappt, was klappen könnte und was sowas von gar nicht funktioniert. Und vor allem: Wo will man hin? Wie soll es im Endeffekt aussehen? Zielsetzung. REALISTISCHE Zielsetzung ^^

Das ganze dann bitte noch so formuliert, dass es möglichst der Wahrheit entspricht, aber dennoch krank genug klingt um die Bewilligung durch zu kriegen. Eine einfache Depression hätte dafür nicht mehr ausgereicht. Ein Hoch auf die kombinierte Persönlichkeitsstörung. Die hatte ich ja nun bescheinigt. Sogar doppelt, als ich Ende Februar aus der TK entlassen wurde. Mittlerweile waren 4! Sozialarbeiterinnen von meinem Problem in Kenntnis gesetzt. 3! davon hatten meine Wohnung gesehen. Die ärztliche Bescheinigung darüber, dass ich diese Wohnbetreuung dringend benötigen würde und sie mich von einem weiteren Klinikaufenthalt abhalten könnte lag bereits vor. Übrigens auch in zweifacher Ausführung. Es konnte also losgehen…

Ging es aber nicht. Der für mich zuständige und von mir ausgewählte Leistungsträger war höchst sympatisch, hatte aber mit einigen Problemen zu kämpfen. Zwar wurde eine Übergangsgruppe gegründet für Wartelisten-Leute so wie mich, aber ansonsten tat sich nicht viel. Zu der Gruppe ging ich irgendwann nicht mehr hin, weil ich mir dabei ehrlich gesagt nur blöd vorkam. Ich habe nichts davon mich gefühlte 100x vorzustellen und immer und immer wieder zu erzählen, dass ich 25 Jahre alt bin, seitdem ich Denken kann Probleme mit mir selbst habe und bereits durch Klinik, Tagesklinik, ambulante Therapie und sonstigen Dingen durch bin und bereits seit x, y, z Wochen auf Betreuung warte. Verblöden kann ich auch zu Hause. Danke.

Als dann Anfang September meine Sozialarbeiterin vom Arbeitsamt meinte, dass sie ihren Job in der Stelle nicht mehr weitermachen wird und sie mir jemand neuen zuteilen könnte, solange bis das mit der Wohnbetreuung klappt, war ich schon etwas am Resignieren. „Gut, jemand Neues. Mit der Wohnbetreuung klappt es ja eh nicht.“ Doch am gleichen Tag kam noch der Anruf. Dass es diesen Monat klappen könnte, dass man leider aber einen aktuellen Hilfeplan erstellen müsste und wann ich dafür Zeit hätte.

Am 14. September machten wir uns an den neuen Hilfeplan. Plötzlich wurde eine völlig neue Formulierung gefordert und ich mache 3 Kreuze, dass es sich beim Formulieren definitiv um eine meiner Stärken handelt. Sonst wäre das ein endloses Drama geworden. Selbst Frau B. war froh diese neue Erfahrung mit mir zu machen und nicht mit einem anderen Klienten. Ich fasse es mal als dezentes Lob auf. Wir hatten definitiv Spaß bei der Sache, sind ein paar Mal verzweifelt, haben literweise Kaffee in uns reingeschüttet und den alten Hilfeplan fachgerecht mit einer Schere bearbeitet um passende Formulierungen einfach im Bausatz-Verfahren in den neuen Hilfeplan einzufügen.

Dummerweise – auf Grund der Arbeitserleichterung die daraus resultiert hätte – konnten wir nicht allzu viel gebrauchen. Die Lektüre des alten Hilfeplans (Erstellung Dezember’09 – Februar’10) machte recht schnell deutlich, dass sich viele Dinge mittlerweile von selbst erledigt hatten. Dass ich nahezu durchgängig Fortschritte gemacht habe und eine ganze Ecke weiter bin als noch vor einem 3/4 Jahr. Ich kann mein Leben selbst in die Hand nehmen, vieles selbst regeln und ich kann mir aktiv selbst Hilfe holen. Und vor allem: Ich lasse mir nicht mehr so viel sagen, löse mich von meinem Elternhaus ab und beginne meinen eigenen Weg zu gehen und auch dahinter zu stehen. Der Mensch wächst halt am Widerstand und an seinen Aufgaben.

Die Erstellung des neuen Hilfeplans dauerte noch einen zweiten Termin am 21.09. an. „Ich habe mir vorgenommen, dass wir nicht eher gehen, als dass wir fertig sind!“, sagte Frau B. Also ackerten wir fast 3 Stunden, teilweise parallel an zwei Abschnitten gleichzeitig. Er ist nun fertig.

Heute habe ich einen weiteren Termin. Um 12.30Uhr lerne ich meine zukünftige Betreuerin kennen. Frau M. Eine wohl noch recht junge Frau „irgendwo in meinem Alter“. Ich bin neugierig, gespannt und auch ein wenig besorgt. Was passiert, wenn wir nicht miteinander warm werden!?

Ende Oktober (25.10.) beginnt dann der Betreuungsvertrag. Vorher lohnt sich nicht, da ich nicht nur eine Woche weg bin, sondern auch noch eine Woche Besuch haben werde. Von den ganzen Freizeit- und Arztterminen gar nicht geredet.

Ende Oktober schließt sich dann der Kreis. Letztes Jahr zu dieser Zeit – fast aufs Datum genau – saß ich in der psychiatrischen Ambulanz der Uni-Klinik und bettelte um Aufnahme. Zwei Wochen später sprang Robert Enke vor den Zug und ich wurde eingewiesen. Die Zeit vergeht rasend schnell. Wie gut, dass sie nicht völlig ohne Veränderungen und Fortschritten an uns vorbeizieht.

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6 thoughts on “Betreuung.

  1. Also man kann ja schon stolz sein, wenn man deine Artikel bis zum Ende gelesen hat 😉 Was ich daraus mitnehme: Es geht dir besser als vor einem 3/4 Jahr! Das ist doch super! Mach weiter so!!!

  2. Dein Rückblick liest sich wirklich gut. Du hast es bis hierhin ganz allein geschafft, obwohl du es damals nicht geglaubt hast. Fortschritte sind sichtbar, die allein du dir erkämpft hast. Du kannst wirklich stolz auf dich sein.

  3. Es freut mich dass es nun los geht – und wenn du mit der Dame nicht klar kommst: sag es! Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen: es klappt nur wenn du mit der Betreuerin kannst – und es ist deren Job jemanden zu finden wo es klappt 😉

    • Ich hab sie ja nun kennengelernt.. und sie ist wunderbar 🙂 Total nett… Ich bin gespannt wie das läuft… am 26.10. ist der erste Termin… aber ich werde natürlich noch mal berichten 🙂

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