Krieg.

Vor ewigen Zeiten – ich glaube es war im März oder April, habe ich mal gesagt, dass ich über die Diskrepanzen von „wollen“ und „können“ schreiben möchte. Bisher bin ich nie dazu gekommen, aber nun wird es definitiv mal Zeit. Für diejenigen unter euch die selbst unter irgendeiner psychischen Störung leiden wird das nichts unbekanntes sein. Für die anderen versuche ich mal es möglichst anschaulich zu erklären.

Es ist wie Krieg. Wie ein ständig tobender Krieg.


Auf der einen Seite der gesunde, „normale“ Teil. Mit einem rationalen, realistischem Verstand ausgestattet. Intelligent, logisch, nicht übermäßig emotional. Überzeugungsfähig. Eher pragmatisch.

Auf der anderen Seite der „gestörte“ Teil. Überemotional, katastrophisierend, panisch, unrealistisch, kopflos. Relativ einfach gestrickt. Festgefahren. Kaum zu überzeugen.

Nehmen wir eine beliebige Situation aus meinem Alltag. Wie wäre es mit „Arzttermin absagen“? Banaler geht es ja kaum, oder?

Auf der einen Seite also der Verstand der sagt:

Du brauchst einen neuen Termin, dafür musst du anrufen, die Nummer hast du, die Praxiszeiten kennst du, deinen Kalender hast du vor dir. Du bist bestens vorbereitet, Grund zum absagen hast du auch (und der ist ja eigentlich nicht mal relevant.)


Auf der anderen Seite der „gestörte“ Teil der sagt:

Du könntest stören, dein Grund könnte „nichtig“ erscheinen. Sie könnten die Richtigkeit anzweifeln, komische Fragen stellen, meckern, sich beschweren, sauer sein. Dir einen neuen Termin verweigern, etc.

Ich fühle mich dann hilflos und völlig unfähig die eigentlich – rein körperlich – leicht auszuführenden Handlungen zu bestreiten. Es geht einfach nicht. Wie gelähmt.

Natürlich wäre das nicht weiter tragisch, wenn sich das Thema damit erledigt hätte. Gut, sag ich halt nicht ab. Geh ich einfach nicht hin. Mache auch keinen neuen Termin. Die Konsequenzen würde ich erst viel viel später zu spüren bekommen. Für den aktuellen Moment also irrelevant.

Aber so einfach ist es nicht. Statt sich geschlagen zu geben kämpft der Verstand gegen das Gefühl an. An sich auch löblich, nicht wahr? Wer gibt schon gerne auf.

Also fängt der Verstand an zu argumentieren:

Bei offenen Sprechzeiten stört man garantiert nicht und wenn? Dann wird keiner ans Telefon gehen oder es einem mitteilen. Ist da jemand schlecht gelaunt wird es nicht an mir selbst liegen, als könnte da jemand den Namen später noch Gesichtern zuordnen und wüsste wer ich bin. Und selbst wenn warum sollte derjenige was gegen mich haben. Es besteht kein Grund an meinen Argumenten zu zweifeln. Wahrscheinlich hören die den Gründen nicht mal richtig zu sondern hören nur „Termin absagen – neuen Termin machen“. Es besteht keinerlei Grund mir einen neuen Termin zu verweigern. Immerhin bringe ich denen Geld. Also. Logik beim Gefühl? Fehlanzeige. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass negative Konsequenzen eintreffen? Äußerst gering. Unter Null quasi.

So viel dazu. Aber hilft das was? Bringt uns das jetzt weiter? Nein.

Du kannst deinem Gefühl 100x sagen, dass es keinen Grund dafür gibt da zu sein. Dass es falschen Alarm abgibt, dass eigentlich alles gut ist. Es bleibt da. Hartnäckig. Unverändert. Das Gefühl sagt dir:


Alle Argumente sind egal. Ich bin eh stärker als du. Solange ich dich lähme, kann der Verstand sagen was er möchte. Ich gewinne ja trotzdem. Du bist schwach. Ich bin das stärkste Gefühl. Die Angst. Angst besiegt alles.

Ich habe genau diese Situation schon sehr sehr häufig hinter mir und dabei handelt es sich wirklich noch um eine der harmloseren Situationen mit denen man Probleme haben kann. Aber ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie viele Arzttermine ich einfach habe ausfallen lassen, weil ich mich nicht getraut habe anzurufen. Der Vorteil an diesem Beispiel ist wie gesagt, dass es keine kurzfristigen Konsequenzen hat. Niemand wird nachfragen, die wenigsten Ärzte (leider auch Neurologen nicht, selbst wenn man latent suizidal ist) rufen einem hinterher und fragen ob man noch lebt 😉

Aber es wäre ja viel zu einfach. Zu der Angst kommt dann irgendwann noch der Ärger hinzu. Der Ärger über sich selbst. Die Angst bekommt Gesellschaft und plötzlich ist der Krieg noch ungerechter. 2:1, Unterzahl. Ein Sieg für den Verstand noch aussichtsloser als vorher schon. Denn Ärger über sich selbst kann einen so was von zermürben. Der Ärger bleibt nämlich noch, wenn die Angst schon längst weg ist. Spätestens, wenn der Termin vorbei ist, ist die Angst überflüssig. Sie hat ihren Job getan, den Anruf erfolgreich verhindert und lacht sich nun ins Fäustchen. An ihrer Stelle ist nun der Ärger da. Völlig ohne Zeitlimit. Nun sind die Fronten wieder ausgeglichen. Zumindest zahlen-technisch.


Doch in Wahrheit ist der Verstand längst verwundet, steht kurz vor der Resignation und der Ärger hat so ein leichtes Spiel. Denn er ist nicht nur berechtigter als die Angst (Warum zum Teufel hast du nicht einfach angerufen?), sondern er zog auch erst in die Schlacht als der Verstand schon längst angeknackst war. Denn auch der Verstand weiß um seine geringen Chancen. Er weiß aus der Vergangenheit, dass er nur selten gewinnt. Er weiß von der Stärke der Angst. Und er weiß, dass er ohne Hilfe keine Chance hat. Aber die Hilfe hätte er früher gebraucht. Als die Angst noch alleine war und der Termin nicht vorbei.

Da hätte jemand sagen müssen:

„Alles wird gut. Du schaffst das.“

Manchmal funktioniert das und die Angst zieht den Kopf ein. Doch jetzt ist es zu spät um etwas zu ändern. Deswegen bleibt der Ärger und verschwindet auch nie wieder ganz.

Zurück bleibt der Verstand, der daran zweifelt zu etwas wirklich Nutze zu sein. Und ein wenig von dem Ärger der sich in den Kerben des Selbstwertgefühls niederlässt – die die Angst und der Ärger fleißig eingemeißelt haben.

Im nächsten Krieg ist der Verstand schon von Anfang an angeschlagen und Ärger und Angst müssen nur auf dem aufbauen was sie schon längst hinterlassen haben.

Unbehandelt wird der Kampf immer aussichtsloser.

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6 thoughts on “Krieg.

  1. Oh weh, du sprichst mir aus der Seele. Du glaubst gar nicht wie oft ich schon gewisse Ärzte gewechselt habe. Denn nach diesem Kampf kommt der nächste, wenn man wieder zum Arzt muss. Die Angst sagt dann: „Da kannst du nicht mehr hin gehen. Wer weiss was die sagen. Sie werden sauer auf dich sein. Du bist unbeliebt …. “ beliebig erweiterbar.
    Das passiert mir leider nicht nur bei Ärzten, sondern auch anderswo. 😦

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