Zweiseitig.

Ich mag den Schnee nicht. Ich habe bei Schnee immer Angst zu fallen. Anfang des Jahres hab ich das – wie vielleicht schon erwähnt – mehrfach geschafft. Immer schön aufs Steißbein. Sobald Schnee liegt sinkt meine Motivation raus zu gehen noch mehr. Dementsprechend anstrengend ist es für mich, wenn irgendwo nicht gestreut ist.

Heute morgen bin ich von Nisi zum Bahnhof gelaufen, weil wir davon ausgegangen sind, dass der Bus nicht fährt. Nun fuhr er zwar doch, aber schon aus Prinzip bin ich trotzdem gelaufen. So geht’s ja nicht. 😉  Die gesamte Strecke gab es jedenfalls nur etwa 20 Meter die wirklich vollständig geräumt waren. Der Rest war teilweise eine matschige Hügellandschaft, teilweise aber auch eine glatte Eisfläche. Manchmal war wenigstens Streu drüber geschüttet, manchmal merkwürdiger, nutzloser Sand. Die Strecke war mühsam und ich fand es wahnsinnig anstrengend. Immer mal wieder hatte ich Angst zu stürzen. Hab mich gefragt wieso es in Bochum fast keiner für nötig hält zu streuen und was das ganze überhaupt soll.  Gerade vor Geschäften sollte man doch streuen, wenn man seine Kunden mag, oder? Dachte ich bisher zumindest. Oder macht man es da mit Absicht nicht, damit die Kunden mit ihren Einkäufen stürzen und diese dann direkt neu kaufen müssen? Oder Bushaltestellen. Die Busse – wenn sie denn fahren – halten mitten auf der Straße. Ihre Haltebuchten sind einzige Schneeberge durch die man sich kämpfen muss, wenn man denn wirklich einsteigen möchte. Das ganze verzögert wahnsinnig den Ablauf. Mal ganz davon abgesehen, dass man früher oder später nasse und kalte Füße bekommt. Auch sehr riskant sind die Treppen an den kleineren Bahnhöfen. Meistens nicht gestreut. Manchmal halt irgendwas auf die unebenen Schneehügel geworfen. Immer total gefährlich.

Also im Grunde genommen mag ich den Schnee nicht und bin auch total genervt davon, wenn irgendwo nicht richtig geräumt ist. Besonders Angst hab ich übrigens vor den Eiszapfen die von oben runter hängen. Ich sehe mich schon davon aufgespießt. Theoretisch könnte ich mich also ziemlich über das Thema aufregen. Könnte ich, tue ich nicht.

 

Denn die Kehrseite der Medaille ist folgende. Ich habe den ganzen Monat Schneedienst. Den ganzen Monat? Ja den ganzen Monat. Hier im Haus rotiert das Erdgeschoss und der dortige Putzdienst monatlich, da im Erdgeschoss niemand wohnt. Und da ich so ein Glückskind bin habe ich den Dezember „gewonnen“. Nun müsste ich um meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden natürlich alles super ordentlich geräumt haben. Und gestreut. Tatsächlich hab ich das aber nicht. Die ersten Tage habe ich gekonnt versucht zu ignorieren, dass es geschneit hat. Irgendjemand hat dann hin und wieder geräumt. Hinzu kam, dass ich dann auch immer mal wieder nicht hier war. Und geräumt war wenn ich wiederkam. Dann hab ich mir mal den Wecker gestellt gehabt um noch im Dunkeln Schnee zu schippen. Wieder war jemand vor mir schneller. Einmal hab ich es tatsächlich geschafft als erste da zu sein. Es war 6.30 Uhr und es war nicht nur körperlich scheiße anstrengend. Abgesehen davon, dass mir mein Kreislauf zusammengeklappt ist, war ich auch psychisch total im Eimer. Davor, währenddessen und danach.

Die letzten Tage war ich wieder nicht hier. Mittlerweile gab es genau vor unserer Eingangstür eine 10cm Eisschicht. Auch die anderen haben das Räumen hier eingestellt. Generell ist aber fast überall in der Siedlung alles sauber und ordentlich. Da könnte Bochum sich mal ein Beispiel dran nehmen. 😉 Als ich vorhin hier ankam, kam meine Nachbarin gerade raus und ging zum Auto. Ich bin einen Umweg gelaufen, so dass ich ihr nicht in die Arme lief. Auch später als Lukas und ich noch mal kamen hab ich mich fast schon versteckt, weil sie wieder draußen war. Erst als sie im Kiosk war bin ich schnell rein. Das spätere Klopfen hab ich ignoriert. Ebenso wie das ständige Klingeln später. Sehr hartnäckig. Es hat in mir schon fast Panik ausgelöst. Im Moment hab ich sogar das Rollo im Wohnzimmer runter. Maximales totstellen.  Blöd nur, dass die Katzen immer zwischen Rollo und Fenster krabbeln. Da sieht man dann von draußen, dass hier Licht an ist…. Aber wieso das alles? Wieso so viel Theater wegen ein bisschen Schnee räumen?!

Weil ich Angst habe. Ich habe Angst bei dieser Arbeit jemandem zu begegnen und mich zu blamieren. Ich bin so unbeholfen in vielen Dingen, dass ich mich nicht traue sie in Gegenwart anderer auszuführen. Da gehört Schnee schippen dazu. Das eine Mal wo ich es gemacht habe, hatte ich Kopfhörer auf um die Welt zu ignorieren. Um nichts zu hören und nichts zu sehen. Aber ständig wurde ich angesprochen und die Leute um mich herum waren viel zu präsent. Und das um halb sieben. Ich war nass geschwitzt, lange bevor ich es von der körperlichen Anstrengung her war. Mittlerweile traue ich mich kaum noch in den Hausflur. Horche ob gerade da jemand rumläuft. Erwarte jeden Tag einen Zettel im Briefkasten mit einer Abmahnung oder sonstigem.  Es belastet mich. Ich denke ständig an diesen blöden Schnee. Es ist nicht sonderlich entspannend und eigentlich wäre es leichter es einfach zu tun. Theoretisch. So rein logisch betrachtet.  Es wäre viel weniger Energie die dafür drauf gehen würde als es im Moment ist. Aber ich trau mich einfach nicht. Jetzt sowieso nicht mehr.Weil jetzt könnten ja Bemerkungen kommen. „Ach… schön, dass sie das auch mal machen.“ Oder irgendwas in der Art…

 

Eigentlich hasse ich den Schnee und nicht geräumte Flächen. Aber ich reg mich nicht drüber auf, denn ich weiß was dahinter stecken könnte…

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7 thoughts on “Zweiseitig.

  1. Oh wie gut ich deine Bedenken zwecks des Schnee schiebens kenne. Nicht umsonst mache ich das gerne Mitternacht 😉

    Aber euren Plan verstehe ich noch nicht ganz. Muss denn nur das Erdgeschoss räumen?
    Bei uns sind Putzplan (Hausflur) und Schneedienst zwei unterschiedliche Sachen! Jeder im Haus ist mal mit Schneefegen dran und dies ist im Mietvertrag inklusive Zeiten festgelegt – jeder 3 Tage und dann wird gewechselt.

    • Ich versteh den Plan hier auch nicht… genauso hab ich keinen Schimmer nach welchem System oder ob überhaupt nach einem die gelben Tonnen rausgestellt werden. Manchmal hab ich das Gefühl dass sie es gar nicht werden und ewig voll hier rumstehen. Genauso wie im Moment die normalen Mülltonnen vor der Tür stehen… und ich nicht weiß wieso… aber da die morgen früh geleert werden hab ich die jetzt auch nicht mehr reingeräumt. Irgendwer hat jetzt auch vorhin die Eisplatte vor der Haustür zerschmettert. Zum Glück.
      Hausflur hab ich im Moment eigentlich wöchentlich, weil nebenan die Wohnung leersteht. Aber das ist auch schon ne Weile her, dass ich da geputzt hab. Sollte ich vielleicht Freitag noch mal fix machen. Damit der Flur wenigstens sauber ins neue Jahr geht. 😉
      Ob in meinem Mietvertrag was zum Schneefegen steht weiß ich gar nicht.. sollte ich vielleicht mal schauen.

  2. Oh ja, wie ich das nachvollziehen kann 😦

    Im Verdrängen hab ich eh in den letzten Monaten einiges an Routine bekommen 😐 Mit solchen Vorwürfen könnte ich auch nicht gut umgehen, gehe schon lange Auseinandersetzungen aus dem Weg. Dafür fühle ich mich zu kraftlos. Richtige Angst vorm Blamieren hab ich nicht, aber unangenehm ist mir meine Unbeholfenheit schon.

    Der Schnee an sich ist ein schwieriges Thema. So heftig und negativ wie diesen Winter ist er mir noch nicht begegnet. Mal einen Spatziergang mit Kamera zu machen ist ja gut und schön, aber ganz allgemein stört es im Alltag immens.

    Ich bin gerade in Bochum. Die Gehwege sind sehr unterschiedlich geräumt, wobei ich das Aufgeben verstehen kann. Denn selbst auf großen Straßen türmt sich der Schnee am Straßenrand, teilweise über die gesamte rechte Spur. Wer da geparkt hat, darf erst ordentlich schippen, bis er da wieder rausfahren kann. So langsam fehlt der Platz, um den Schnee wegzuräumen.

    Ich würd mich (nicht nur, aber auch wegen des Schnees) am liebsten ins Bett verkriechen und drei Monate Winterschlaf halten, bis – hoffentlich – alles vorüber ist.

  3. Pingback: Willkommen in der Svüchiatrie!

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