2010.

Eigentlich hätte ich jetzt gerade viel zu tun. In etwa 3 Stunden kommen die ersten Gäste und meine Wohnung hat dafür noch nicht wirklich den Platz. Aber das hier, das ist mir gerade wichtiger. Ich will das geschrieben haben. Meinen persönlichen Rückblick, nicht den dieses Blogs. Und trotzdem fange ich mit meinem ersten Blogeintrag vom 1.März an. Denn eigentlich, hat mein Jahr erst nach der Klinik angefangen. Und die Entlassung war am 23.02.2010.

Vor genau 7 Tagen war ich davon überzeugt, dass ich nun alles schaffen werde. Dass mein Leben nun bunt und schön und voller Farben und vor allem zufriedenstellend sein wird! Ja! Ich war davon wirklich überzeugt.

Nun Monate später weiß ich, dass ich immer noch nicht alles schaffen kann und dass man wohl auch niemals alles schaffen können wird. Nicht alleine. Und kein Leben ist nur bunt und schön und voller Farben, sondern auch mal düster, grau und schwarz. Wichtig ist nur, dass es immer wieder Licht geben wird. Dass die Sonne wieder scheinen wird. Wichtig ist eigentlich nur, dass man immer wieder aufsteht und nicht im schwarzen Nebel verschwindet.

Aber er kam, der Sturm. Und er hieß in meinem Fall nicht Xynthia sondern hat einen ganz komischen Namen. Eine merkwürdige Mischung aus Papa, Oma, Neurologin, purem Hass, absoluter Verständnislosigkeit, Angst, Alpträumen und einer Spur Resignation.

Jetzt hier in diesem Moment, erinnert sich fast niemand mehr an Xynthia. Ich hab es zumindest nicht getan, bis ich den Artikel gerade gelesen habe. Aber an meinen persönlichen Sturm erinnere ich mich noch. Denn Windstill wurde es eigentlich das ganze Jahr über nicht. Nie. Ich habe immer noch Angst und ich hab immer noch hin und wieder Alpträume. Aber ich bin weit weg von Resignation. Ich habe eine tolle Ärztin gefunden, hasse im Moment gerade wenig und versuche meine Verständnislosigkeit zu ignorieren. Für meinen Vater und meine Oma hab ich zumindest temporäre Lösungen gefunden. Der Sturm hat also keine bleibenden Schäden hinterlassen, oder?

Und vor allem: Wie konnte ich bloß erwarten, dass die Welt nun friedlich und nett zu mir sein würde? Keine Tablette auf diesem Planeten macht die Gesellschaft umgänglicher und friedlicher. Sie gibt uns höchstens das Werkzeug ihr angemessen gegenüber zutreten. Sie macht vielleicht kampffähig. Aber kämpfen muss man trotzdem alleine.

Nein, auch jetzt ist die Gesellschaft nicht umgänglicher und friedlicher geworden. Aber mit jedem Monat gab es mehr Menschen die mir gezeigt haben, dass sie mich so mögen wie ich bin und dass es gut so ist. Dass ich „die Gesellschaft“ nicht brauche und nicht brauchen werde. Ich wusste ja schon immer, dass ich ein klein wenig „Anti“ bin. Auch unabhängig von jeder „Störung“. Ich sehe es nicht ein mich dieser Welt anzupassen die ich immer wieder so abstoßend finde und wahrscheinlich auch immer wieder finden werde. Ernsthaft, ich werde es nie einsehen und ich kämpfe lieber eine halbe Ewigkeit für meine Nische als mich dem unterzuordnen. Letztes Jahr, da wollte ich noch unbedingt dazu gehören. Wollte akzeptiert werden von den Menschen die ich gleichzeitig so engstirnig und abstoßend fand. Aber wofür? Es ist doch völlig überflüssig.

Doch nun renne ich. Mit jedem Wort welches ich hier schreibe, wird mir wieder klar was ich erreichen kann und vor allem wie ich es erreichen kann. Ich kann sie spüren und ich kann sie festhalten – die Zuversicht. Ich werde sie sicher immer wieder verlieren. Aber ich kann sie auch wieder einfangen. Und es ist ganz allein meine Arbeit die zählt. Es ist meine Kraft die ich investieren muss. Es wird hart. Es wird anstrengend. Ich werde mich oft zwingen müssen Dinge zu tun, auf die ich gerade mal sowas von gar keine Lust habe. Aber ich werde es tun müssen, weil ich weiß wofür ich es tue. Für ein neues Leben. Für eine schöne, bunte Welt voller Farben und mit ganz viel Zufriedenheit. Für mich selbst.

 

Und ich renne immer noch. Und ich habe nicht vor damit aufzuhören. Im Gegenteil. Ich möchte weiter rennen. Schneller rennen. Aber vor allem möchte ich  lauter sein. Lauter schreien.

Soviel dazu. Aber mir persönlich wäre das zu schwammig für einen Jahresrückblick. Zu unpersönlich. Zu wage. Ich mache mein Leben ja doch lieber an Daten und Personen fest. 😉

2010 hab ich viele Menschen kennengelernt, viele nur oberflächlich aber manche wenige sind so tief in meinem Herzen, dass ich sie nie wieder missen möchte. Ich habe Platz in meinem Herzen gemacht indem ich hinaus geworfen habe was schon lange keinen Platz mehr hätte haben sollen. Ich habe Balast abgeworfen und dafür Menschen in mein Leben geholt die es bereichern und mich beflügeln. Und ich habe jemanden wieder in meinem Leben der eine ganze Zeit nicht da war, aber im Endeffekt einfach wirklich dazu gehört.

Der größte Dank geht dabei an Mel, Ilana, herzlich und Frau Schaf 🙂

2010 habe ich die Erfahrung gemacht, dass aufgewärmte Männer auch nicht besser schmecken als beim ersten Mal. Dass es überhaupt nichts bringt sich eine ideale Beziehung zu erträumen, wenn der dazugehörige Mann gar nicht in das Bild passen möchte. Dennoch möchte ich die wenigsten Momente mit ihm missen. Es war das Jahr des bisher einzigen Wochenendes an dem ich mich lebendig und nah bei mir gefühlt habe. Ich war einfach ich.

2010 war das Jahr meines ersten und bisher einzigen ONS. Begleitet wurde die Erfahrung von der Erkenntnis, dass man auch Umstände außerhalb seiner eigenen Lebensplanung bedingungslos akzeptieren kann, wenn man jemanden wirklich in sein Herz geschlossen hat. Selbst Kinder 😉 Es war das Jahr in dem ich jemandem kennengelernt habe, von dem ich glaube, dass er mir noch sehr wichtig werden kann. Wichtiger als er es im Moment schon ist. Es war aber auch das Jahr des größten Liebeskummers an den ich mich erinnern kann. Das Jahr in dem eine Beziehung zerbrach die (noch) nicht an dieser Stelle hätte enden müssen. Und übrig blieb die Erkenntnis, dass manchmal alle Gefühle stimmen können, das Leben es aber anders geplant hat.

2010 war das Jahr der Mittelaltermärkte und Konzerte. Wobei letzteres nur zum Teil stimmt. Sagen wir, ich hab sie neu für mich entdeckt. Ich habe viele Märkte besucht, habe im Vergleich zu den letzten Jahren einen musikalischen Wandel hinter mir und trotzdem manche nostalgisch wichtige Bands nie vergessen. Ich habe gemerkt, dass Schelmish mir aus der Seele sprechen und dass ich beim Punk eigentlich schon immer nur die Musik gut fand. xD Ich hab festgestellt, dass ich für manche Aktionen zu alt geworden bin (oder mir fehlt die Übung ^^), dass Konzerte teuer sind, ich dafür aber jederzeit verhungern würde. Vor allem aber habe ich festgestellt, dass ich 2011 mehr davon haben will. Mehr von diesem Gefühl was ich in den letzten Monaten mit den verstärkten Konzertbesuchen hatte. Viel mehr.

2010 war nicht das Jahr meines Studiums. Definitiv nicht. Aber es war das Jahr einer definitiven Entscheidung. Ich will das und wenn ich mit dem Kopf gegen jede Wand rennen muss. Es ist mir egal. Ich will das so. Und irgendwie bekomme ich das auch hin. Möglicherweise war es auch das Jahr wo dieses Studium von einer „einfachen festgefahrenen Traumvorstellung“ zu einem wirklichen Lebensziel wurde. Es fühlt sich manchmal konkreter an. Aber nur manchmal.

2010 war auch nicht das Jahr meiner Familie. Höchstens das Jahr in dem ich erkannt habe, dass ich wohl wirklich definitiv nicht als Familienmensch geboren wurde und dass sich das vermutlich auch niemals ändern wird. Ich brauche nur wenige Teile meiner Familie. Alles andere ist Balast.

2010 war ein Jahr voller Überraschungen. Viele davon hängen nicht zuletzt mit diesem Blog zusammen. Es überrascht mich immer wieder von bestimmten Leuten zu hören/lesen, dass sie meinen Blog lesen. Ja, erst gestern hat mich ein Outing wirklich zu Tränen gerührt. Es war das Jahr in dem mein Briefkasten vor Überraschungen geplatzt ist. Das Jahr in dem Igi mich einfach in den Flieger gesetzt hat und mit mir nach London ist. Und auch wenn der Bericht noch auf sich warten lässt werde ich dir das nie vergessen!

2010 ist das Jahr in dem vieles begonnen hat was hoffentlich so weiter gehen wird. Dieser Blog hier, die neuen Freundschaften, die Betreuung, die Therapie, meine Vorstellungen der Zukunft, die (Wieder)Annäherung meiner Katzen, der Weg zu mir selbst und vieles mehr.

An dieser Stelle höre ich auf, denn sonst nimmt es kein Ende.

Ich habe Rückblicke der letzten Jahre vor mir liegen. Habe vor ein paar Tagen alte Blogs von mir gefunden. Jahresrückblick 2006 – 2009. Wenn ich das nun mit dem vergleiche was ich gerade geschrieben habe. Dann bin ich auf dem richtigen Weg. Und das stimmt mich jetzt schon fast wieder melancholisch. 😉

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12 thoughts on “2010.

  1. Ui, sehr schön geschrieben. Und sehr bewegend, zumal ich den ersten Blogbeitrag noch nicht kannte. Viel Erfolg für eine schöne Zukunft 🙂

    • Hach… danke 🙂 Und ich glaub ich werde auch noch so „Zielvorgaben“ (mir fehlt gerade der treffende Ausdruck) aufstellen wie du es getan hast… für den noch besseren Vergleich in einem Jahr.

  2. Ich kann mich nur anschließen! Der Bericht ist wirklich toll geschrieben, so positiv.
    Um viel mehr zu schreiben fehlen mir momentan noch die Worte, aber ich lese heraus das Du auf einem sehr guten Weg bist. Auf einem Weg, der nicht immer nur gerade ist, der aber nur dadurch auch interessant wird. Am meisten zu entdecken gibt es doch auf Wegen, die mal in eine Sackgasse führen, die an einigen Stellen nur sehr schmal sind und an anderen wieder hell erleuchtet. Gehe weiter deinen Weg und du wirst dein Ziel erreichen, hart erkämpft, aber erreicht und stolz darauf! 😉

    • Ach Herzelein, deine Worte passen doch immer.. du machst dir viel zu viel Stress. Wenn ich was nicht versteh frag ich schon nach 😉 Und ich geh meinen Weg… und ich freu mich, wenn du ein Stück dabei bist =)

  3. Die Farben kommen wieder. Ganz sicher. Nach vielen grauen Jahren wurde es bei mir langsam bunter. Nur immer auf den Regenbogen zulaufen. Und über die kleiner werdenden grauen Berge hüpfen. Mit einem Lächeln geht das immer besser. Manchmal ist ein Berg größer, da schafft man dann wieder länger dran. Aber von oben auf dem Berg sehen bunte Farben auch wieder viel interessanter aus.
    Ich schick Dir mal einen bunt schillernden Ball rüber 🙂

  4. da du irgendwie zu viel schreibst für meinen reader ^^, komme ich gar nicht mit dem lesen hinterher *g.

    freue mich sehr für dich, das hier klingt wunderbar. echt. *hug

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