Öffentlichkeit.

Ich bin in den letzten Wochen immer wieder auf meine Art zu bloggen angesprochen worden. Mal mehr, mal weniger freundlich artikulierte Zweifel. Mal als gut gemeinter „Bist du dir sicher….?“-Rat, mal als (in)direkter Vorwurf.  Aber auch von den anderen Rückmeldungen gab es einige. Es sei mutig und beeindruckend, lustig geschrieben (zu lustig, denn es als Wahrheit anzunehmen war dann doch schwer), eine gute Sache. Meine Therapeutin schwört auf die Macht des Feedbacks also komm ich gar nicht darum herum intensiv über Rückmeldungen aller Art nachzudenken.

Ich hätte erwartet, dass man in Hinblick auf meine Zukunft zweifelt, ob ein so offensiver Umgang gut ist. Zumindest wäre das die Kritik gewesen die aus meiner Familie gekommen wäre. 😉 Aber in die Richtung ging keine dieser Nachfragen. Es wurde jedoch Kritik laut über meinen Umgang mit der Erwähnung anderer Beteiligter. Ich bin jedoch der Meinung, dass jeder der von hier auf eine Person in meinem Leben schließen kann und mit dieser in Kontakt treten kann, das auch tun könnte ohne die Erwähnung hier. Meine Freunde sind ziemlich miteinander vernetzt und ich rede auch in ihrer Gegenwart so offen wie hier. Nicht umsonst spricht man manchmal von Gruppentherapie, wenn bei mir Party ist. 😉 Gerade in Bezug auf meine Beziehungen hab ich zunächst ja selbst gesagt, dass ich nichts drüber schreiben werde. Ich hab es im Endeffekt doch getan, aber niemand der ihn nicht eh kannte (dem ich nicht eh von ihm erzählt habe) konnte herausfinden um wen es geht. So gesehen hatte er nix zu befürchten.  Ebenso wenig hier erwähnte Flugtiere.

Als dann heute mal wieder die „Glaubst du es ist eine gute Idee?“-Frage aufkam habe ich tatsächlich eine lange Antwort verfasst, die mir so in der Art sehr gefallen hat. Von daher nehme ich sie zum Anlass diesen Artikel (der schon ne Weile in den Entwürfen schlummert… an dieser Stelle schönen Gruß an rebhuhn 😀) endlich zu beenden.

Ja, ich finde es eine ausgesprochen gute Idee so offen darüber zu schreiben.

Zum einen habe ich persönlich einfach keine Lust bei der Tabuisierung solcher Themen mitzumachen. Was ist das bitte für eine Welt in der nicht drüber geredet werden darf, dass man krank ist? Je höher man angesehen ist, desto schlimmer ist es und schon springt der Nationaltorwart vor den Zug. Super.

Zum anderen geht es mir sehr sehr gut damit so offen zu sagen was in mir vorgeht. Auch ich habe jahrelang nicht sagen können was mit mir los ist. Ich hab stumm gelitten, manchmal mitten in belastenden Situationen angefangen zu heulen, aber ich konnte es nicht erklären. Der Umgang mit Menschen ist leichter, wenn man offen mit ihnen umgeht.

Drittens nutze ich das Internet schon seit Jahren zur Kontaktaufnahme. Sei es für Freundschaften oder für die Partnersuche. (Warum das so ist, ist ne andere Sache.) Ich hab es mit der Zeit satt gehabt in stinknormalen Gesprächen an den Punkt zu gelangen in denen das Gespräch unangenehm wurde. „Was machst du beruflich?“ „Wieso bist du ständig beim Arzt?“ „Treffen wir uns bei xy (möglichst große Kneipe mit vielen Menschen einsetzen ;))?!“ Jedesmal der gleiche Text. „Ich bin aus gesundheitlichen Gründen auf unbestimmte Zeit krank geschrieben… und die Kneipe geht nicht weil ich sie a) nicht kenne und deswegen nicht allein/mit fremden betreten kann… etc.“  Nein, danke. 🙂

Zusatz: Mal ganz davon ab, dass ich nur über den Blog wahnsinnig wertvolle Menschen kennengelernt habe, mit denen ich ansonsten niemals zusammen getroffen wäre.

Viertens ist es eine super Lösung um unerwünschten „Ficken?“ Gespräche auszuweichen. Die sprechen mich gar nicht mehr an, da ihnen klar ist, dass selbst das mit mir stressig werden könnte 😉

Fünftens glaub ich, dass es wichtig ist aufzuklären. Mutig zu sein. Zu sich selbst zu stehen. Wo sonst kann man das besser als im Internet? Zumindest mit der Reichweite?

Zusatz: Natürlich kann man das draußen in der Realität auch. Aber es ist mühsamer und für mich in dem Ausmaß auch gar nicht möglich. Mal ganz davon abgesehen, dass man nicht so weit verbreitet Menschen erreicht, aber das brauche ich euch ja nicht zu sagen. 😉 Dass es nicht das Endziel sein sollte im Internet zu sich zu stehen ist natürlich klar. Aber ich bin ja auf nem guten Weg und tue das abgesehen von Anfangsschwierigkeiten meistens ja auch in der Realität. 😉

Es gibt sehr viele „Psycho“-Blogs. Fast alle bloggen anonym, weil es ihnen persönlich hilft, sie sich aber nicht angreifbar machen wollen. Mir hilft Schreiben auch, aber das ist dann hier erst der 6. Grund 😉

Zusatz: Mir würde es wohl nicht so sehr helfen wenn ich anonym bloggen würde. Da mir gerade der „Seht her hier bin ich… ich bin krank und trotzdem toll“-Aspekt ziemlich wichtig ist. ^^


Soviel dazu. Und natürlich bin ich auch nicht frei von Zweifeln und Ängsten die mit diesem offensiven Umgang verbunden sind.

Manchmal da hab ich Angst, dass meine Vergangenheit erfährt wie es mir jetzt geht. Von wegen ich hab es allen gezeigt. So wie ich es mir eigentlich geschworen habe. Ich bin geprägt von Mobbing und Rückschlägen. Von verlogenen Freundschaften und merkwürdigen Intrigen. Nie vertraue ich ganz. Egal wie viel ich erzähle und preisgebe. Der Zweifel bleibt. Immer.

Was wäre wenn die Leute von damals diesen Blog lesen? Es wäre mir peinlich irgendwie. Unangenehm. Aber wahrscheinlich tun sie es schon längst und was ändert es? Gar nichts. Und wie viel besser wäre es mir wohl ergangen, wenn ich damals schon ausgekotzt hätte statt zu schlucken. Wie viel weniger Wut würde dann heute in mir wüten? Heute missfällt mir am meisten nur noch der Gedanke, dass meine Hausverwaltung das alles liest. Oder meine Nachbarn. Aus der Wohnung fliegen wäre scheiße 😉

Ansonsten würde ich mir die Blogadresse manchmal gern auf die Stirn oder wahlweise auf den Pulli tackern. Oder ein Shirt mit der F-Diagnose vorn drauf. Warum? Weil immer noch viel zu viel geschwiegen wird und weil ich gerne provoziere. (Ja, hinter der Angst schlummert eine ziemlich provokante, extrovertierte Persönlichkeit die wahrscheinlich noch mehr anecken würde als sie es jetzt schon tut ^^) Aber warum eigentlich nicht?

Früher trug man „Ich hab auch Augen du Arsch!“-Shirts um darauf aufmerksam zu machen, dass die Perspektive nicht stimmt. 😉 Heute könnte man doch einfach mal „Svüchisch gestört“ auf der Brust tragen. Nicht zuletzt um andere dazu zu bringen mutiger zu sein und zu sich selbst zu stehen. Und das von mir. Dem manchmal größten Feigling unter der Sonne. Denn ob ich mich das wirklich trauen würde, steht ja noch auf einem ganz anderen Blatt. Aber der Gedanke gefällt mir immer besser. Vielleicht wird es Zeit die Textilfarben zu suchen, denn eigentlich habe ich noch längst nicht fertig.

 

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10 thoughts on “Öffentlichkeit.

  1. Wow. Der Beitrag haut mich um 😉 Also, wenn ich auch mal meinen Senf dazu geben darf: Ich finde es verdammt mutig, so offensiv zu schreiben, ohne dabei strikt zwischen der „realen“ Identität und der Internetindentität zu trennen, mutig und bewundernswert. Für mich funktioniert das nicht, ich schreibe anonym, eben weil ich Angst habe, zB nicht eingestellt zu werden, wenn jemand meinen Blog findet, oder auch davor, dass gewisse Personen aus meiner Vergangenheit spitz kriegen, dass ich das bin. Trotzdem denke ich auch manchmal, es wäre gut, mehr an die Öffentlichkeit zu gehen, dazu zu stehen, dass man krank ist (und speziell in meinem Fall, dass man Missbrauch erlebt hat), denn du hast natürlich Recht – das wird noch immer missverstanden, mit Vorurteilen gesehen, bagatellisiert und/oder totgeschwiegen… und das in unserer ach-so-aufgeklärten Gesellschaft.

    Das mit dem T-Shirt habe ich auch schon mal überlegt, die ursprüngliche Idee war ein F24, das war in „meiner“ Klinik ein vielzitierter Code für radikale Akzeptanz (DBT), aber so ein F60.3 oder so wäre auch nicht verkehrt… 😉 Man kann damit sogar üben, dass einem gar nicht passiert, fällt mir so ein…

    So oder so – ich ziehe meinen Hut vor dir, meines Respekt hast du, mach weiter so.
    Alles Liebe!

  2. Deine Antwort ist aber wirklich gut geschrieben. (wielange hast du dafür gebraucht? ;)) Ich hab ja auch schon mal über „Tabuthema Psychische Erkrankung“ geschrieben und es ist in der Tat so. Heute werden die Menschen nicht mehr ausgepeitscht und vergast, dafür werden sie galant ignoriert. Ich hoffe, dass sich das immer mehr ändert. Und du trägst einen Teil dazu bei! Es hilft nicht nur dir, hier offen zu schreiben und dir deinen Frust von der Seele zu schreiben, sondern auch allen anderen, weil sie sehen, dass es auch anders geht. Und wenn man sich dann mal mit dir einlässt, merkt man schließlich ganz schnell, dass du nicht verrückt bist 😛

  3. Ein interessanter Beitrag, danke für diese Einblicke in deine Erkenntnisse 🙂

    Gerade weil ich in einem internetnahen Beruf tätig bin, kam für mich nur ein anonymes Bloggen in Frage. Aber mein Fazit fällt bisher nicht so gut aus. Vielleicht ändert sich das, wenn ich (hoffentlich) demnächst eine neue Therapie starten kann.

  4. gruß zurück :P.

    ich schreibe demnächst [wie lange sage ich das jetzt schon ^^?] auch mal über anonymität. deinen beitrag hier find‘ ich total klasse!!

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