Haltlos.

In meinem Hilfeplan und in der Antragsstellung schrieben sie, dass ich keine Freunde habe. Keinerlei soziale Anbindung. Meine einzige Freundin würde weit weg wohnen und wäre somit selten zu erreichen. Das mussten sie tun, weil die Bewilligung sonst sehr schwierig geworden wäre. Es ist für solche Geschichten nämlich eher schädlich, wenn man potentiell in der Lage ist alles auch alleine hinzubekommen. Es ist schwer zu erklären, dass man es manchmal so gar nicht kann, aber an anderen Tagen alles von alleine läuft. Vor allem in wenigen Worten in einem formellen Antrag.

Nun ist es so, dass meine einzige Freundin nicht ewig weit weg wohnt. Eine meiner Freundinnen wohnt weit weg. An sich habe ich dann doch ein paar mehr als nur die eine. So viele, dass ich allein bei der gedanklichen Planung wie ich die jetzt alle in den „Semesterferien“ unter einen Hut bekomme, in Freizeitstress gerate. Ich kann also eigentlich gar nicht klagen.

Dennoch fühle ich mich jetzt gerade völlig halt- und bodenlos. Der Blick auf die Online-Liste verrät mir, dass da niemand ist der mir jetzt das sagen kann was ich wohl hören müsste, der mir irgendetwas sagen kann, damit es mir besser geht. Niemand der gerade online ist würde diese Leere, dieses Aufgeben wollen gerade verstehen können. Dabei geht es mir nicht mal wirklich schlecht. Ich bin nicht nah am Wasser und ich fühle mich auch nicht wirklich mies. Ich bin einfach nur… müde. Und das seitdem ich wieder zu Hause bin und jeden Tag mehr.

„Klappt das Lernen?“ – Nein, es klappt absolut nicht. Weil ich 80% des Tages im Bett verbringe, versuche zu schlafen und danach noch matschiger bin als vorher, weil ich völlig gestörte Träume habe. Ich träume von dem Hochzeitsfoto meiner Eltern auf dem Titel der Bild-Zeitung. Von einem 6 Seiten Artikel über sie, ihre Jugend und was sie nicht alles böses angestellt hätten. Ich sehe in dem Traum Fotos die ich vorher noch nie gesehen habe, aber sie sehen so unglaublich echt aus, dass ich mir vorstellen kann, dass sie genauso existieren. Ich träume von meinem Opa, der im Traum plötzlich völlig klar und anwesend ist, aber merkwürdigerweise mit Dr. Alexander Michael Karev aus Grey’s Anatomy zum Rad fahren geht. Ich weiß im Traum, dass mein Opa nie wieder so sein wird und verabschiede mich von ihm, so wie man es tun würde, wenn man wüsste, dass er am nächsten Tag nicht mehr da sein wird. Ich wache auf und weiß nicht mehr ob ich Gespräche nun geführt oder geträumt habe. Aber ich weiß, dass ich eigentlich einfach nur gerne weiterschlafen würde…

Da ist gerade niemand dem ich erklären kann und möchte wie nutzlos ich mich fühle. Wie gern ich vor Montag einfach flüchten möchte und von Konsequenzen nie was hören wollen würde. Die Personen denen ich das gerne erzählen würde, die würden es nicht verstehen. Da gibt es kein Aufgeben, die machen einfach. Aber selbst das einfach machen, funktioniert jetzt gerade nicht. Therapie und Betreuung hätten diese Woche nicht wegfallen dürfen….

Ich fühl mich ungerecht, wenn ich das hier schreibe. 90% der Leute die sich mein Gejammer anhören würden, bekommen gerade nicht mal die Chance, weil ich es ihnen einfach nicht erzähle. Aber ich fühle mich auch selbst ungerecht behandelt, wenn man aus einer Mücke einen Elefanten macht, weil ich leider Gottes andere Dinge im Kopf hatte als exakte Zeitpläne. Ich weiß, dass ich gerade eine beschissene Freundin bin. Aber ich lief jetzt wochenlang auf Auto-Pilot – „Lernen“ und damit war schon alles ausgefüllt. Und jetzt ist selbst dafür nicht mehr der Sprit da. Da könnte man mir sowas doch vielleicht mal nachsehen…

Wahrscheinlich bin ich selbst Schuld. An allem. Ich schaff es offensichtlich immer noch alle davon zu überzeugen, dass es mir gar nicht so schlecht geht, obwohl ich auf dem Zahnfleisch laufe. Obwohl „einfach weg sein“ als die angenehmste Option erscheint. Und ich mir trotzdem die größte Mühe gebe irgendwie bis Montag zu überleben. Um an einer Klausur teilzunehmen in der die Erfolgsaussichten so verdammt gering sind, dass ich mir zur Schulzeit ein Attest geholt hätte um meine Noten nicht zu versauen. Egal wie gut auch sämtliche Probeklausuren mittlerweile laufen. Es wird nichts werden. Und so oder so werde ich von mir enttäuscht sein. Und der ein oder andere wird fragen wieso ich dann so ein Theater ums Lernen gemacht habe, wenn es doch eh abzusehen war. Und der ein oder andere wird sagen, dass ich es vielleicht lassen sollte. Und eigentlich sollten mir die dann alle egal sein. Weil es eben nicht mein Tempo war. Aber sie werden mir nicht egal sein und egal was bei heraus kommt ich werde mich nicht besser fühlen als jetzt. Nur dass ich nicht mehr auf die Klausur warte, sondern auf das Ergebnis. Und dann nicht mehr auf das Ergebnis sondern auf die nächste Klausur. Um im Endeffekt nach 5 Semestern doch mal den 1. Teil des 1. Semesters fertig zu machen?

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4 thoughts on “Haltlos.

  1. Hallo.
    Ich kann es gut verstehen,dass Du lernst, auch wenn deiner Meinung nach, die Chancen auf ein Bestehen der Klausur gering sind. Ich finde es sehr,sehr stark und mutig von Dir!!! Wenn Du es nicht versuchen würdest, würdest Du Dir sicher selbst Vorwürfe machen, dass Du es nicht wenigstens versucht hast, oder? Also lieber Probieren.
    Ich werde wahrscheinlich nach den Sommerferien den selben Kampf mit dem Lernen habe *seufz*. Das das Lernen extrem Kraft zehrend ist und Du am liebsten „nichtexistent“ wärst, kann ich sehr gut nachvollziehen…
    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Deine Freunde Verständnis für Deine Situation haben, oder es entwickeln.
    Auch wenn´s Dich jetzt vielleicht nicht wirklich tröstet, fühl´Dich umärmelt, wenn auch nur virituell 🙂

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