Tief(kl)ang #15 – Kettcar ~ Balkon gegenüber

Ich könnte einige Kettcar-Titel vorstellen. Theoretisch jeden ohne ihn genau zu benennen, weil sie mich alle mit einer bestimmten Person verbinden. Eine dieser vielen Personen die mal kurz im Leben sehr wichtig waren und jetzt eigentlich keine Rolle mehr spielen (sollten). Eine dieser Personen an denen so wahnsinnig viel dran hängt, obwohl es nicht so sein sollte, weil sie eigentlich nur ganz kurz dabei waren. Weil sie auch gar kein Interesse mehr haben dabei zu sein und weil man es vor allem auch schon so oft versucht hat und merkt, dass einen eigentlich auch gar nichts (mehr) verbindet. Aber für eine dieser Personen steht jedes einzelne Lied von Kettcar. Denn durch ihn kenne ich sie überhaupt.

Einmal habe ich auch ein bestimmtes bereits vorgestellt. Und zwar hier. Mittlerweile weiß ich, dass es nur für mich wirklich so ein Märchen war. Was es für ihn war? Keine Ahnung. Vielleicht ein netter Zeitvertreib. Egostreichelei. Für das angeblich so große Ego, welches im Endeffekt nicht mal genug Eier in der Hose hatte zu sagen, dass er (mittlerweile) eine Freundin hat. Danke, Arschloch.

Bei einem bestimmten Lied denke ich an meinen Ehemann. Und ich frag mich immer wieder was ihr eigentlich denkt worum es geht, wenn ich „Ehemann“ schreibe. *g* Aber egal. Darum soll es hier eigentlich nicht gehen.

Aber ja, es gibt eine Menge Kettcar Lieder die irgendeine Bedeutung für mich haben. Und da ich selten so bewusst Musik höre wie Kettcar es eigentlich verdient haben, bin ich mir sicher dass ich die (persönliche) Bedeutung vieler Lieder noch gar nicht erfasst habe.

Heute soll es um einen Ohrwurm gehen den ich seit Tagen habe. Genauer gesagt seit Donnerstagabend. Ich war an diesem Abend ziemlich hysterisch. Ziemlich durch. Ziemlich kaputt. Ich bin um 23 Uhr aus meiner Wohnung raus und zu meinem Haustürschlüssel-Besitzer gefahren. Auf dem Weg dahin hab ich mir alle möglichen Lieder angetan die meine Tränenflut am Leben erhalten konnten. Und ich habe an ihn und ihn gedacht. Und daran, dass ich mit meiner Therapeutin dringend an meiner Fähigkeit vergangenes verarbeiten zu können arbeiten muss. Denn ich verarbeite nicht. Ich schiebe immer nur weg, bis es einen Zeitpunkt gibt an dem alles wieder heraus bricht. Ich klammer mich an Hoffnung die so irrational ist, dass ich an guten Tagen drüber lachen kann. Während ich mich an schlechten Tagen frage wie man so krank sein kann…

„Balkon gegenüber“ war eines dieser Lieder die ich am Donnerstagabend gehört habe. Es war sogar das letzte Lied vor seiner Haustür. Das letzte Lied bevor ich mich zumindest für ein paar Stunden gut aufgehoben gefühlt habe. Seitdem geht es mir dauerhaft durch den Kopf. Ständig habe ich die ein oder andere Textzeile im Hirn oder fast schon auf der Zunge liegen. Wäre ich ein Mensch der singend durch seine eigene Wohnung läuft, würde ich es wohl die ganze Zeit singen. Ich bin heute morgen mit diesem Lied aufgewacht. Ich war gerade im Bad und dachte mir „Hey… daraus könntest du einen Artikel machen.“ Erst danach ist mir aufgefallen, dass es wirklich passt.

Ich habe gerade ihn-Nr.1 aus meiner ICQ-Liste gelöscht. Nach Ewigkeiten. Weil mir nicht mehr eingefallen ist wofür ich ihn noch anschreiben sollte. Weil es nichts mehr gibt worüber ich mit ihm reden könnte. Ich lerne gerade Statistik. Alleine, weil du es mir nicht mehr beigebracht hast. Ich werde im April auf das Spectaculum in Gelsenkirchen gehen. Zur Not auch allein, weil du wohl kaum mit mir hingehen würdest und wir uns selbst dann nichts zu sagen hätten. Genau deshalb habe ich übrigens Angst dich dort zu treffen. Aber gut, diese Angst kann ich gerade auch nicht reduzieren. Reduzieren konnte ich das bittere Gefühl deinen Namen in der ICQ-Liste zu sehen und jedes Mal daran erinnert zu werden, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben. Und dass mir wenig geblieben ist, abgesehen von den Erinnerungen. Daran dass ich deine Ehrlichkeit immer sehr geschätzt habe, genauso wie deine Kochkünste und dass ich deine kleine Wohnung so sehr geliebt habe, dass sie fast so etwas wie Heimat war. Oder die WOW-Nächte und das nerdige aufeinander hocken. Die täglichen Telefongespräche. Das Wissen, dass du mich auf deine Art wirklich liebst.

Aber natürlich sind da auch andere Erinnerungen. Das nicht kuschelnd einschlafen können, das durch mich durch gucken. Deine misanthrope Haltung die meine um Längen übersteigt. Die Wutausbrüche – die nie mir gegolten haben. Die Wohnung der Ex in greifbarer Nähe und dass du mir so selten sagen konntest was ich dir bedeute.

„Wenn du aufhören willst und einsehen musst, zwischen komm zurück und wirklich Schluss…“

Theoretisch ist es mit ihn-Nr.2 leichter. Weil er jede Möglichkeit vernichtet hat mit ihm in Kontakt treten zu können. Weil er seit November einfach verschwunden ist und weil er nun – wahrscheinlich – am anderen Ende der Welt sitzt und mir wohl nicht so bald über den Weg laufen wird. Zwar habe ich keinen Eintrag in einem Messenger der mich jeden Tag schmerzlich an dich erinnert, aber ich sehe dich ständig und überall. Und manchmal denke ich mir, dass du vielleicht gar nicht weg bist. Dass du aus irgendeinem Grund hier geblieben bist. Doch dann hättest du dich bei mir gemeldet, oder? Zumindest daran möchte ich weiterhin glauben. Aber da du es nicht getan hast wirst du wohl in Südafrika sitzen und deinen Traum leben. Und ich sitze hier und habe nicht mehr viel von dir. Denn nach 6 Monaten habe ich endlich die Met-Flasche weggeworfen die du an unserem ersten Abend mitgebracht hattest.

Abgesehen von denen hier mittlerweile so oft zitierten detailverliebten Erinnerungen. Oder dem Gedanken an den wunderschönen Abend im Turock der nahezu unschlagbar war. Der Gedanke an den ersten Kuss, an die beiden ersten gemeinsamen DVDs. Das Schnarchen was ich so gehasst habe, aber was mich immer wissen ließ, dass du wirklich da bist. Der Zahnbürstentick, der mir jedes Mal wieder einfällt, wenn ich meine Zahnbürste irgendwo mit hinnehme.

Natürlich gibt es auch weniger gute Erinnerungen. Die Wochenenden die nicht so funktioniert haben wie geplant. Weil erst dein Pferd und dann mein Opa fast verreckt wären. Deine Erkrankung die eine unberechenbare Größe war und über deren Details du nur zögerlich geredet hast. Deine Wutanfälle – wenn eben diese dich zum Stolpern brachte. Unser letzter Kuss. Die Woche Schweigen am Ende.

„Wenn du aufhören willst und einsehen musst, zwischen komm zurück und wirklich Schluss…“

 

Nein, es war wirklich nicht alles einfach nur schön und leicht und wunderbar. Und nein, keiner von euch wird zurück kommen. Und selbst wenn, dann wüsste ich wahrscheinlich nicht mal ob ich es wirklich wollen würde. Wirklich Schluss.


Kettcar – Balkon gegenüber

Ist der Rasierer jetzt kaputt, oder was?
Gott, was sieht der bitter aus,
Mehr Ränder als Augen und die unterlaufen,
Ein Blick auf den Typ vom Balkon gegenüber,
Vielleicht ist jemand gestorben?
Vielleicht ist er 30 geworden?
Doch auf einmal ist es klar,
Ich hab sie lang nicht mehr,
Hab sie lang nicht mehr gesehen bei ihm,
Sie kommt nicht mehr,
Und da sah ich das Heer der leeren Flaschen,
Auf dem Balkon verteilt,
Sie sammeln ihre Kräfte für die nächste Offensive,
Für die Schlacht heut Nacht,
Eine ganze Armada,
Und ich zieh den Vorhang zu.

Und beim letzten Blick nach drüben, denk ich noch,
Viel Glück heut Nacht und viel Glück demnächst,
Wenn du weitermachst oder untergehst,
Wenn du aufhören willst und einsehen musst,
Zwischen komm zurück und wirklich Schluss,
Und viel Glück heut Nacht und in den nächsten Tagen,
Und ich Vollidiot hab dir hier gar nichts zu sagen,
Du bist mir sowas von egal,
Nur gibt es da draussen, die die kannten das auch mal,
Nur gibt es da draussen, die die kannten das auch mal,
Nur gibt es hier einen, der kannte das auch,
Und wünscht Glück.

 


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12 thoughts on “Tief(kl)ang #15 – Kettcar ~ Balkon gegenüber

  1. Schöner Song und auch, wenn ich nicht sagen möchte, das ich weiß, wie du fühlst oder was du durchgemacht hast, so kann ich dennoch verstehen, wie schwer es fallen kann, so etwas scheinbar einfaches zu tun, wie jemanden von der ICQ-Liste zu löschen.
    Ich habs auch hinter mich gebracht und für einen Augenblick im selben Moment bereut. Nun ist es nur noch ein Bild, eine gemalte Bibi Blocksberg, das als letztes Stück Erinnerung in meiner ist. An der Pinnwand ist es schon hinter Pizza-Karten verschwunden. Ganz abnehmen werd ich es wohl nie. Aber ich denke, du hast einiges geschafft.

  2. *seufz* Ich könnte jetzt sagen, all das kommt mir so bekannt vor. Jeden Abend aufs Neue und tagsüber immer wieder in kleineren Sequenzen. Noch immer liegt ein Zettelchen im Kühlschrank, noch immer einer in meiner Kaffeetasse, die ich seitdem nicht mehr benutzt habe. Ach und noch sovieles mehr….
    Doch was bringt es wenn ich dies sage? Helfen tut es Dir nicht. Aus desem Grund zitiere ich jetzt einfach mal einen Satz aus Deinem Text und sage Dir, genau das ist hoffentlich der richtige Weg:
    „(…) dass ich mit meiner Therapeutin dringend an meiner Fähigkeit vergangenes verarbeiten zu können arbeiten muss. (…)“

  3. Kettcar… Super Musik. Textlich kann sich da wohl jeder an irgendeiner Stelle wiederfinden!

    Tja, was der Verstand schon kapiert hat, ist trotzdem noch sooo schwer… Aber wenn ich jetzt auch noch mal das Lied zitieren darf:

    Nur gibt es da draussen, die die kannten das auch mal,
    Nur gibt es hier einen, der kannte das auch,
    Und wünscht Glück.

  4. Ich kanns mir grad nicht verkneifen… Aber ich bin stark und schreib jetzt nix Böses hier hin.. Ooooohm ohm ohm.

    Svea, du weißt, waswenwarumundüberhaupt ich meine 😉

    Mir juckts in den Fingern! >.<

  5. Pingback: Das ist… « Willkommen in der Svüchiatrie!

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