Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben

Ich lese keine Rezensionen. Deswegen lese ich auch keine Bücherblogs. Mit Ausnahme von hier habe ich auch noch nie über ein Buch geschrieben. Zwar liegt ein „Entwurf“ über „Du sollst nicht lügen“ schon eine Weile herum, aber ehrlich gesagt sind das auch nicht mehr als ein paar Lesezeichen in dem Buch. Doch diesmal muss ich schreiben. Und zwar zeitnah. Ich habe es nämlich nicht gelesen. Nein, verschlungen. Ronald Reng „Ein allzu kurzes Leben“.

Wie schon mal gesagt kannte ich Robert Enke bis zu seinem Tod nicht. Ich hatte mich nie mit seinem Leben beschäftigt und es ehrlich gesagt auch bisher nicht nachgeholt. Bisher ging es mir lediglich immer darum was er in mir ausgelöst hat. Nicht aber um ihn und seine Gründe. Wie auch… Kann man sich anmaßen jemanden zu kennen, nur weil man seine Biographie gelesen hat? Noch dazu, wenn diese ohne „direkte“ Mitarbeit post mortem entstanden ist? Ich denke nicht. Ich möchte auch nun nicht sagen: Ich kenne ihn jetzt. Aber: Ich kann so vieles nachempfinden. An vielen Stellen des Buches überkam mich ein beklemmendes Gefühl. Ein grauer Schleier über meinem Alltag. Nie konnte ich es ganz ausblenden und musste allein deshalb schon schnell weiterlesen. Um dieses Gefühl wieder zu verlieren. Zu oft habe ich mich ihm „nah gefühlt“ – wie bescheuert das auch klingen mag – und kam mir vor als würde ich daneben sitzen.

Natürlich ist mein „Druckerlebnis“ ein anderes. Denn zum Glück ist die öffentliche Anteilnahme an meinem Leben (noch) nicht so überragend, dennoch kenne ich natürlich dieses ausweglose Gefühl, diese Hilflosigkeit bei jeder Art der Entscheidung. Sie sei noch so klein, das Gefühl, dass es um Leben und Tod geht ist durchaus präsent. Dass der Druck jedoch ins Unermessliche steigt, wenn das gesamte Land auf einen schaut ist wohl auch nicht weiter verwunderlich. Doch das Grundprinzip bleibt das selbe. Egal wie viel Nation auf einen schaut: Man hat immer das Gefühl genau das Falsche zu tun. Auch die Ursache der Depressionen kamen mir erschreckend bekannt vor. Seinen eigenen Ansprüchen nicht genügen zu können. Sich an unmenschlichen Maßstäben messen, völlig unabhängig vom realistisch Möglichen. Selbst den kleinsten Fehler als Katastrophe sehen und dabei völlig außer Acht lassen, dass es menschlich ist, dass Fehler eben passieren können. Völlig unbeachtet lassen was man eigentlich geleistet hat. Oft musste ich also schlucken. Fühlte mit und zog Parallelen. Statt der Umkleidekabine der Fußballmannschaften sah ich die Schulkabinen. Statt nach Lissabon zog ich in Gedanken „zurück“ nach Jena. (Nur dass ich auch da nicht glücklich war.)

„In Lissabon zu bleiben, wo er glücklich war, schien keine Option.“

Warum nicht? Das hab ich mich immer wieder gefragt. Warum kann man nicht einfach da bleiben wo man glücklich ist. Wieso muss man immer weiter? Immer höher hinaus? Warum nicht dort bleiben wo man in sich ruht… 

„Viele Zeitungen schrieben danach fälschlicherweise von einem Freitod. Der Tod eines depressiven Menschen ist niemals eine freie Entscheidung. Die Krankheit verengt die Wahrnehmung so sehr, dass der Leidende nicht mehr versteht, was es heißt zu sterben. Er glaubt es hieße nur, die Krankheit loszuwerden.“

Für jemanden der Depressionen selbst nicht erlebt hat ist es beeindruckend wie Ronald Reng darüber schreibt. Manche Bilder verdeutlichen selbst mir noch mal was ich eigentlich am eigenen Leib erfahren habe. So treffend habe ich es bisher dennoch wohl nie formuliert. „Wahrnehmung eingeschränkt“, dabei ist es doch so offensichtlich und naheliegend. Hatte ich bisher schon den Eindruck, dass es sich bei Theresa Enke um eine starke Frau handelt bin ich nun restlos davon überzeugt. Wie sie das Leid die ganze Zeit mitgetragen hat, wie sie alles erdenkliche vollbracht hat um das Leben am Laufen zu halten. Um auch sein Leben am Laufen zu halten. In meinen Augen kann man sich nichts besseres wünschen als so einen Menschen an seiner Seite zu haben, wenn die Welt schwarz wird. Umso trauriger dass all ihre Bemühungen umsonst waren. Hätte sie etwas anders machen können? Vermutlich nicht.

… „Er faltete Enke zusammen. So etwas hatte ich noch nie gesehen; so etwas macht ein Profi nicht: einen Mitspieler auf dem Spielfeld erniedrigen“…. … „Es ist ein ungeschriebenes Gesetz des Profifußballs: Kritisiere niemals deine Mitspiele öffentlich“…

Aber andere, die hätten. Immer wieder hat es mich wütend gemacht wie grausam Menschen miteinander umgehen können. Wie achtlos. Wie unmenschlich es im Profisport zugeht und wie brutal man dort auf Menschenleben herumtrampelt. Im Grunde ist es ein konzentriertes Stück Gesellschaft. Zusammengepresst in eine Mannschaft und ihre Trainer. Die Welt ist zwar nicht freundlicher, aber auch nicht so eng beieinander wie beim Mannschaftssport. Wie kann man einen Menschen für einen einzigen Fehler so abstrafen? Warum muss es immer einen Sündenbock geben? Warum muss man immer funktionieren? Und wird aussortiert sobald es anders ist?

„Toni Madrigal glaubt nicht daran, dass ein Spiel eine Fußballkarriere verwandeln könne. Aber, sagt Toni Madrigal und denkt an Robert Enke, vielleicht könne ein Abend sehr wohl ein Leben zeichnen.“

Sämtliche Zitate stammen aus dem Buch Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben und somit aus der Feder von Ronald Reng.

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8 thoughts on “Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben

    • Ich fand es wirklich sehr spannend. Auch ohne den Charakter „Enke“ liefert es interessante Einblicke in den Profisport. Ich werde es mir auf jeden Fall selbst besorgen sobald es als Taschenbuch erhältlich ist. Gebundene Bücher mag ich nicht so 🙂

  1. Pingback: Respekt! « Willkommen in der Svüchiatrie!

  2. Liebe Svue,
    ich kommentiere zwar in keinem Blog, es wären zu viele, außer beim Wichteln von Carmen, aber ich schaue in ganz viele hinein, so auch in Deinen.
    Finde ihn sehr interessant und möchte auch weiterhin informiert sein, ohne immer selbst in Deinem Blog nach zu schauen.
    So habe ich jetzt angeklickt, dass ich über neue Beiträge + Kommentare von Mails automatisch informiert werden, sollst Dich nur nicht wundern, wenn Du eine entspr. Nachricht bekommst.
    Wir kennen uns zumindest schon mal namentlich, nämlich Bastelmaus ile/Ingrid, für die Carmen gestern einen Gastbeitrag in ihren Blog
    Ich hoffe, Du bist ein verstanden
    LG Batselmaus ile/INGRID

  3. Ich hab das Buch direkt auf meine Liste gesetzt, muss da aber vermutlich noch ein bisschen mit mir selber ringen, ob ich’s kaufen werde. Eben aus jener Befürchtung heraus, der Angst, dass es mir zu nahe kommen könnte.

    Und auch die beiden anderen Enke-Artikel, zu denen du mir die Links gegeben hast, war ich froh zu lesen. Mich nur noch selten zu schämen – da möchte ich auch gerne hin!

    Liebe Grüße!

    • Mhm… vllt. leihen und dann aufhören, wenns nicht gut ist? Also sich nicht gut anfühlt. Für mich wars halt nie eine Frage ob ich es lese oder nicht… es war mir ziemlich klar. Ich kann dir da natürlich keine Empfehlung geben…

      Du schaffst das sicher 🙂

  4. Pingback: Eigentlich. « Svüchiatrie.

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