Suizid-Gedanken.

Und nein.. das ist keine Reaktion auf mein Arbeitserlebnis. 😉 Aber „Gedanken über Suizidgedanken“ wäre mir für einen Titel einfach zu lang. Punkt.

Wie komme ich auf dieses Thema? Nun ja… wie der ein oder andere mitbekommen hat, verbringe ich viel Zeit bei Twitter. Sehr viel Zeit. Was auch ein wenig zu Lasten des Blogs geht. Aber so ist das nun mal. So ganz nebenbei kann man da übrigens auch hervorragend lernen sich abzugrenzen. ^^ 

Während ich gestern mit meiner Nervosität beschäftigt war und eigentlich schon längst schlafen gegangen sein wollte,  kam plötzlich dieser Tweet an mir vorbei. Und ich bin neugierig und fragte ein wenig nach.  Suizidankündigung eines Nutzers durch zwei ziemlich eindeutige Fotos. Einmal das Glas voller Tabletten, ein weiteres Mal ein Bild von Bahngleisen. 

Und das böse, gefährliche Internet machte es möglich, dass jemand diesen Ort erkannte, die Polizei alarmierte und der suizidale Mensch gefunden wurde. Zu spät. Schwer verletzt. 

Gerade war diese Situation „geklärt“, in dem die Nachricht dass er nun auf dem Weg ins Krankenhaus sei, die Runde machte, als mir ein ähnlicher Fall auffiel. Suizidankündigung eines jungen Mädchens (dachte ich zumindest zu dem Zeitpunkt). Wieder ging die Frage nach ihrem Namen oder weiteren Informationen durch die Tweets. Wieder wurde die Polizei gerufen, das Mädel (wie ich heute las, 20) wurde ausfindig gemacht und vorläufig in die Psychiatrie eingewiesen.

Soviel zu den Fakten.

Um dieses Gerüst herum entstanden Diskussionen und in mir brennt es nun die einzelnen Standpunkte zu kommentieren.

– Es wäre lächerlich depressiven/suizidalen Personen zu sagen, dass sie ihr Leben schätzen sollten.

Nein, ist es nicht. Es hat auch nichts damit zu tun, dass man die Depressionen nicht versteht. Man kann sie verstehen und dennoch darauf aufmerksam machen, dass es hinter dem vielen dunklen Nebel noch Licht gibt. Oder an bessere Zeiten erinnern. Oder oder oder. Aber es ist nicht lächerlich. Die Frage ist  immer nur wie man es macht. Mit welchem Nachdruck, mit wie viel Empathie. Mit wie viel Verständnis. Und glaubt mir, ich kann depressive/suizidale Gedanken sicher nachvollziehen. Und auch den Punkt, dass man von Menschen die einem sagen „Es wird besser.“, unglaublich angepisst und genervt ist. Aber hinterher ist man ihnen dankbar. Und es macht einen Unterschied, ob man jemanden sagt „Stell dich nicht so an!“, oder ob man ihm sagt „Schau  mal.. da und da und da.. da warst du glücklich. Und auf das und das und das kannst du dich noch freuen.“

– Man könnte suizidale Menschen nicht aufhalten. Sie würden es einfach immer wieder versuchen, bis es funktioniert.

Ist ein wenig arg generalisiert. Natürlich. Wenn der Mensch unbehandelt bleibt, dann wird er es wieder tun. An seinen Gefühlen hat sich nichts geändert, nur weil man ihn einmal davon abgehalten hat. Völlig logisch, warum sollte er es einfach lassen?  Schließlich gibt es doch eine ganze Menge Möglichkeiten die man versuchen kann, wenn der erste Versuch scheitert. Aber Sinn beim „Abhalten“ ist ja auch nicht  denjenigen abzuhalten und danach sich selbst zu überlassen. Und Depressionen sind behandelbar. Einschränkbar. Heilbar. Man muss es nur wollen. Und ja, bis man es von selbst will kann schon mal eine Weile vergehen. Jahre. Viel uneinsichtige Zeit. Aber wenn einem zu dieser Zeit keiner zeigen würde, dass das Leben auch lebenswert ist (siehe oben), dann wird sich auch nichts ändern. Dann wird man keinen Grund finden wieso man seine Meinung ändern sollte. Wieso man kämpfen sollte.

– Wer den Suizid ankündigt zieht es nicht durch. Schreit nur um Hilfe.

Daran, dass der hier zuerst genannte Fall von den Gleisen gefischt wurde und wie ich gerade gelesen habe heute verstorben ist, dürfte eindrucksvoll bewiesen sein, dass das auch ein wenig generalisiert ist. Mir fällt auch ganz spontan noch ein anderer Fall einer indirekten Ankündigung ein die umgesetzt wurde und glücklicherweise daneben ging. Schon mal daran gedacht, dass es beides sein kann? Die pure Verzweiflung die einen dazu bringt es durch zu ziehen und trotzdem der Wunsch, dass einem irgendeiner eine andere Lösung zeigt?

– „Zwar schwer verletzt, aber zum Glück lebend gefunden.“

Wie gesagt: Er ist verstorben. Und ich habe mich schon gestern gefragt, ob ich diesen Satz einfach so unterschreiben könnte. Nein. Was wissen wir über die schweren Verletzungen? Beim Zugunfall würde ich als erstes von diversen Amputationen ausgehen. Und da frage ich mich doch allen ernstes, ob ein ohnehin schon labiler Mensch aus seinem Überleben ohne mehrere Körperteile genug Kraft für  ein Weiterleben aktivieren kann. Ich würde nicht weiterleben wollen. Nicht in diesem Fall. Nach Medikamentenintoxikation wieder aufwachen (ohne bleibende Schäden) ist da schon was anderes. Da ist ein „vorübergehend komatös, aber lebend“ wesentlich positiver. 

– Es gibt für alle Probleme eine Lösung. Suizid ist keine.

Ich würde stark zu „Stimme ich zu.“ tendieren. Wie gesagt. Den Gedanken kenne ich. Die Ausweglosigkeit. Nicht klar kommen, nicht wissen wie es weitergehen soll. Zerreißende Hilflosigkeit. Man braucht mir darüber nun wirklich nichts erzählen. Und dennoch ist es in meinen Augen keine Lösung, sondern eine Flucht. Man löst das Problem nicht, man weicht ihm aus. Und dennoch kann ich es manchmal nachvollziehen. Würde mir wohl auch eher eine Kugel in den Kopf jagen, als im Rollstuhl zu sitzen. Oder an Krebs zu krepieren. Wenn wirklich keine Hoffnung mehr besteht. Keine realistische. Aber sorry, in meinen Augen reichen Depressionen nicht als Grund. Denn gegen die kann man verdammt viel machen. Wenn man sich helfen lässt. Und wenn man nach einer ganzen Reihe Therapien, auf die man sich eingelassen hat. Wirklich eingelassen hat!!! immer noch sagt, dass sich nichts geändert hat. Und dass man nicht will. Ja dann, dann ist es vllt. eine akzeptable Lösung. Aber nicht bevor man es wenigstens versucht hat. 

– Was die Menschen sich rausnehmen würden. Todesurteile aussprechend und Selbstmorde verhindern. Über Leben und Tod richten.

Auf Sinn und Unsinn der Todesstrafe gehe ich hier mal nicht ein. Den Vergleich finde ich bescheiden. Aber das ist es nicht mal. Die Rechtslage ist da zwar nicht sonderlich eindeutig, aber in meinen Augen ist es unterlassene Hilfeleistung eine solche Ankündigung zu ignorieren. Die Pflicht der Polizei ist es dann die Ankündigung zu verhindern. Wenn derjenige es durchziehen möchte, dann soll er das doch bitte ohne Ankündigung tun. Und ohne andere rein zu ziehen. Denn wie kalt muss man sein um sich dann nachher nicht zu fragen: Hätte ich es verhindern können? Ich persönlich könnte jedenfalls nicht ruhig schlafen, wenn ich nicht getan hätte, was ich tun kann.

 

Soviel zu meinen Ansichten dazu. Man möge mich dafür jetzt steinigen, oder an den Pranger stellen. Die Überzeugungen sind jedenfalls nicht spontan „mal eben so“ entstanden. Und ich habe genug suizidale und depressive Menschen gesehen und kennengelernt um mir da eine Meinung bilden zu können. Ob sie jedem gefällt ist die andere Sache. 😉

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27 thoughts on “Suizid-Gedanken.

  1. Einer der lesenswertesten Artikel seit langem, wie ich finde. Nicht nur bei dir, sondern überhaupt. Was der Vergleich mit der Todesstrafe soll, geht allerdings nicht in meinen Kopf. Das sind doch zwei grundlegend verschiedene Dinge, oder nicht? Möglicherweise versteh ich das auch nur wieder falsch.
    Für Punkt 1 gibts gleich 3 Daumen hoch. Einen habe ich dafür extra auf Papier gemalt 😉

  2. Hi,
    ich wurde soeben auf Twitter auf dem Artikel hier aufmerksam gemacht und möchte für meinen Fall korrigieren, das ich keine Hilfe suchte.
    ich wollte lediglich meine Freund nicht im Ungewissen über meinen Verbleib lassen, der Artikel auf tumblr wurde per Timer veröffentlicht.
    Die Hilfe suchte ich erst bei meinen Eltern, als ich merkte, dass die Klinge zu stumpf und ich zu schwach bin.

    Was ich gar nicht abkann sind die ganzen Neufollower wegen dieser Sache. Ich will sie nicht. Nicht wegen so etwas.

    Mit freundlichen Grüßen aus der Klapsmühle,
    Julia

    • Hallo 🙂

      Ich habe deinen Twitter-Namen nicht erwähnt eben damit du von hier aus keine nervigen Neufollower bekommst. Folge dir übrigens auch nicht, sondern schaue nur ab und an rein. 😉

      Auch wenn du keine Hilfe gesucht hast, so glaube ich doch, dass es sich jetzt ganz gut entwickelt, oder? Und vllt. bist du demnächst mutiger und sprichst früher über deine Probleme. Ich würde es mir wünschen, denn auch wenn dein Weg sicher schwer werden mag, es ist nicht zwangsläufig ein Grund sich umzubringen.

      Als ich dann gelesen habe was dein Problem eigentlich ist… Fiel mir sofort eine Frau und ihr Blog ein 🙂 Bzw. sind es sogar zwei Blogs die sie führt. Falls du sie noch nicht kennst, helfen sie dir vllt. zu zeigen dass es machbar ist. Ich habe da zwar längst nicht alles gelesen – auch die früheren Einträge nicht – aber sie strotzt vor Lebensfreude und geht ihren Weg. 🙂

      http://svendura.de/about_me.html
      http://mysvenja.blogspot.de/

  3. nicht steinigens – sonder lesenswert! nur an einer sache stör ich mich mal wieder:

    „Würde mir wohl auch eher eine Kugel in den Kopf jagen, als im Rollstuhl zu sitzen. Oder an Krebs zu krepieren. Wenn wirklich keine Hoffnung mehr besteht. Keine realistische.“

    wegen der hilflosigkeit?, schmerzen? weswegen? sorry, dass ich so renitent bin, aber das ist so ein schwacher punkt bei mir, den du damit getroffen hast.

    zur erklärung hier: http://musculardisorder.wordpress.com/2011/08/29/aus-der-froschperspektive/

    • Wegen der Hoffnungslosigkeit, denke ich. Wenns nach der 2., 3. Chemo heißt: Sie werden sterben. Ich weiß nicht, ob ich dann in der Lage wäre, so wie manch andere Blogger noch das Beste draus zu machen, oder ob ich da nicht doch früher aufgeben würde. Was den Rollstuhl angeht… ist es die Abgabe der Kontrolle. Ich möchte nicht gepflegt werden müssen. Ich möchte nicht auf Hilfe angewiesen sein. Also nicht auf körperliche. Es ist für mich ein Unterschied, ob ich Hilfe in Gesprächen und Therapie suche, oder ob man mir beim Anziehen helfen muss. Aber alles in allem kann man das natürlich nicht so pauschal sagen. Das ist mir gestern auch in einem anderen Gespräch noch aufgefallen wie viel Einschränkungen ich in meinen Aussagen auch noch machen könnte…

  4. jetzt hab ich den kommentar dreimal angefangen und wieder gelöscht. verdammt, ist ein bisschen schwer die richtigen worte zu finden, die weder doof noch klugscheißerisch klingen.

    also schreib ich mal nur: versteh ich 🙂 und zum teil auch wieder nicht. 🙂

    • Ich denke das ist dann der Punkt wo jeder selbst entscheidet was er lebenswert findet. 🙂 Aber wer weiß… vllt. wäre auch alles anders und ich würde im Krankenhaus entscheiden Rollstuhl-Basketball zu spielen oder so. Aber jetzt würde ich halt sagen: Möchte ich nicht… und ich sehe halt ziemlich aktuell wie jemand mit MS abbaut…

  5. Das einzige, was mich tatsächlich sehr an deinem Artikel stört, ist der Titel. Und da hab ich ehrlich gesagt auch wenig Verständnis, dass du es mit der Länge erklärst. Mich erschreckt es und mich alarmiert es, wenn ich im Feedreader als erstes einen solchen Titel wahrnehme, weil ich so reisserische Titelverkürzungen zwar bei der Bild erwarten würde, aber hier nicht darauf gefasst war.

      • Wahrscheinlich hat es das so sehr, weil es eben genau nach deiner Begegnung mit dieser gräßlichen Frau war. Ich hab befürchtet, es hätte dich hinterher dann doch noch so fertig gemacht und bin ja froh, dass es das nicht war.

        Und speziell das mit der eigenen Verantwortung, was du schreibst, kann ich gut nachvollziehen. Ich muss in so Lagen auch alles unternehmen und schlage lieber einmal zuviel blinden Alarm. (Hab vor ein paar Jahren einer unbekannten Bloggerin die Polizei ‚auf den Hals‘ gehetzt in einem solchen Zusammenhang, weil ich mir sonst immer Vorwürfe gemacht hätte, wenn sie irgendwann einfach nichts mehr geschrieben hätte.)

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